Meinung
Kolumne Netzentdecker

Hilferuf aus dem Homeoffice

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher über seine Erfahrungen aus 20 Jahren Homeoffice

Hajo Schumacher über seine Erfahrungen aus 20 Jahren Homeoffice

Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

Wir glaubten an Fortschritt, weil wir plötzlich zu Hause arbeiten durften. Inzwischen wissen wir: Am schönsten ist es im Büro.

Als Journalist versteht man ja von vielen Sachgebieten nur die Randaspekte. Aber bei einem Thema kann ich wirklich mal kompetent mitreden: Homeoffice. Mache ich seit 20 Jahren. Und ich habe mich über die Euphorie gewundert. Videokonferenz, Jogginghose, Zwischenmahlzeit – toll. Von wegen.

Vier Wochen habe ich geschwiegen wegen des sozialen Friedens. Aber die Tatsachen lassen sich nicht länger verschweigen. Die Wahrheit lautet: Heimarbeit ist wie Nachdenken auf dem Oktoberfest – unmöglich. Wie man bei Tinder nicht den Partner fürs Leben findet und bei Facebook keine Freunde, schafft das Rackern daheim weder Freiheit noch Freude, sondern ständigen Frust.

Kaum hat man kurz vor Mittag das Smartphone aus der Hand gelegt, um zumindest obenrum was Vorzeigbares für die Videokonferenz anzulegen, da klingelt der Paketbote, das Kind geht mit drei Geräten online und verstopft die Leitung, während der Magen schon wieder knurrt. Die Assistentin muss den Chef auch nach vier Wochen Hausarrest noch durch die Technik navigieren, und dennoch vergisst der Trottel immer den Audioknopf. Ich google den täglichen Coronahorror. Auf dem Bildschirm stumm wedelnde Führungskräfte. War es je anders? Ich wedele zurück. „Das S-Wort“, murmelt die Chefin und meint „Selbstdisziplin“. Ich denke nur an Schokolade, Stützschlaf, Serie gucken.

Der Idee vom Homeoffice liegt der alte Mythos vom Multitasking zugrunde, der vermutlich aus der Reklamebranche stammt: Irgendeine Simulation von Geschäftigkeit wird für konzentriertes Arbeiten gehalten. Früher, als der Büroschlaf noch heilig war, galt
Homeoffice aus uner­klärlichen Gründen als gesellschaftlicher Fortschritt. Alle Akten auf einem Stick, per Internet mit der ganzen Welt verbunden und über die Tracking App sauber durchkontrolliert – so wünschte sich der Aktionär das neue Arbeiten. Was man da alles an Büroflächen, Kantine und Parkplätzen sparen kann, an Klopapier, Kaffeekosten und Privatkopien!

Doch dafür müsste die heimische Technik erst mal reibungslos funktionieren. Aber irgendein Adapter oder Update fehlt immer, die Druckerkartusche ist leer oder der Akku. Er habe nur ein Vierteljahr gebraucht, um den heimischen Router so an der Decke zu positionieren, dass alle Räume online sind, erklärte neulich der Systemexperte, der auf unsere Kosten die Illusion von der schönen neuen Arbeit mit WLAN unterstützt.

Das Versprechen lautete: Man könne sich nebenbei um die Kinder kümmern, die Wäsche machen und abends rasch noch mal die Präsentation schön machen. Die Wahrheit: Vor lauter Kinderkümmern und Wäschemachen bleibt die Präsentation liegen, die man früher auf dem Weg zur Arbeit erledigte. Fazit: Wer nicht mit dem Gemüt eines tibetischen Lamas auf die Welt gekommen ist, kann mit seinen nicht abgearbeiteten To-do-Listen jenen fensterlosen Raum tapezieren, in dem sonst die Schwiegermutter übernachtet, die Wäsche trocknet oder die obstlergetränkte Skihose aus Ischgl auslüftet. Denn dort ist das Homeoffice provisorisch untergebracht. Hier lassen sich Ablenkungen vermeiden, wie der Experte empfiehlt. Aber nicht gleich wieder einnicken, fügt der Praktiker hinzu.

Deutschland diskutiert, ob man zuerst Schulen, Schuhläden oder Friseure öffnet. Falsch gedacht. Wenn ihr ein neues Wirtschaftswunder wollt, dann lasst Millionen Homeofficer zurück ins Büro. Sie werden es mit außergewöhnlichen Leistungen danken, Überstunden schieben, ganze Wochenenden auf der Planstelle verbringen. Endlich wieder mit den Kollegen tratschen, den Lieblingsfeind mobben, die Praktikantin mit Altherren-Charme behelligen. Wir verzichten auf Urlaub, Boni, Weihnachtsfeier, wenn wir nur nicht zurückmüssen in die heimische Hölle.

In seinem Podcast „Wir gegen Corona“ beschäftigen sich Hajo Schumacher und seine Frau Suse, Psychologin und Krisenberaterin, täglich mit dem Leben im Ausnahmezustand. www.netzentdecker.de

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