Meinung
Leitartikel

Schule ist systemrelevant: So kann es gehen

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

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Foto: Reto Klar

Öffnung der Schulen wird anstrengend. Noch stärker aber werden die belastet, die zu Hause bleiben müssen. Island zeigt, wie es geht.

Hamburg. Schulleiter möchte man in diesen Tagen nicht sein: Blickt man auf die Anforderungen, die Corona ihnen nun abverlangt, angefangen von Abstandsregelungen bis hin zu Hygienevorschriften, gleicht die Öffnung der Bildungseinrichtungen einer Quadratur des Kreises – vor allem vor dem Hintergrund, dass nebenbei auch noch unterrichtet und das Abitur abgenommen werden soll.

Eltern oder Schüler möchte man auch nicht sein. Auch wenn inzwischen für manche Klassen zumindest feststeht, wann der Schulbetrieb wieder langsam anläuft, steht für andere Klassen die Öffnung noch in den Sternen. Es wird Jahrgänge geben, die mehrere Wochen, vielleicht sogar bis zum Sommer gar keine Schule mehr von innen sehen werden. Da wird die allgemeine Schulpflicht, die übrigens weltweit zuerst 1592 in der Pfalz eingeführt wurde, ausgehebelt.

Man möchte aber auch kein Bildungspolitiker sein: Zwar steuern die Bundesländer die Schulpolitik, aber die Hamburger Regelungen sind ohne die Einigung auf Bundesebene gar nicht denkbar. In Zeiten von Corona will die Bundespolitik verständlicherweise Einigkeit demonstrieren. Aber ist diese Einigkeit wirklich richtig in einem Land, in dem sich Infektionsraten und Intensivkapazitäten so unterscheiden? Besteht hier nicht die Gefahr, dass maximale Vorsicht zur Handlungsmaxime für alle wird?

Wissenschaftler raten zur Öffnung von Schulen

Es ist gerade zwei Wochen her, da gab die Kanzlerin eine Zielmarke aus: Es solle mindestens zehn Tage dauern, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. Dank der klugen Politik und umsichtiger Bürger hat sich diese Verdopplungszeit auf rund 20 Tage gestreckt. Da fragen sich nicht nur Eltern, warum die Schulen dann erst so langsam, zeitlich gestreckt und eingeschränkt den Betrieb wieder aufnehmen. Und warum diese neue Normalität, auf die man sich in den vergangenen Wochen gut hätte vorbereiten können, erst jetzt umgesetzt wird.

Seltsamerweise streiten Politik und Öffentlichkeit hitzig über die Öffnung von Bau- und Möbelmärkten oder die 800-Quadratmeter-Grenze. Über die Schulen, die seit 1592 systemrelevant sind, streiten hingegen überraschend wenige. Seltsam auch: Die gewünschten Handreichungen von Experten hat die Politik mehr oder weniger übergangen. Die Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfahl „sobald wie irgend möglich“ zuerst die Grundschulen zu öffnen.

Ein anderes Papier der Akademien der Wissenschaften, an dem mehrere Mediziner mitwirkten, riet dazu, „Sektoren mit niedriger Ansteckungsgefahr, zum Beispiel Kindertagesstätten und Schulen, sollten zunächst geöffnet werden“.

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Gründe dafür gibt es viele. Eine funktionierende Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass sich Eltern nicht als Privatlehrer neben Job oder Heimarbeit verheddern. Und was wird aus der Bildungsgerechtigkeit? In „bildungsfernen“ Familien scheitert die digitale Schule oft an fehlenden Rechnern oder mangelnden Sprachkenntnissen, an zu wenig Platz und überforderten Eltern.

Eine warme Mahlzeit in der Schule, der Austausch mit Freunden und soziale Betreuung sind extrem wichtig. Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger warnt bereits, in den vergangenen Wochen sei „ein Viertel der Schüler von jenen abgehängt worden, die andere Voraussetzungen haben“. Nun verlängern wir dieses Desaster über Wochen!

Dabei können Virologen bis heute nicht nachweisen, dass Schulen zur massenhaften Verbreitung von Covid-19 beitragen. Was bei Partys oder Clubs längst belegt ist, bleibt bei Schulen bis heute umstritten. Einer isländischen Analyse zufolge sind Kinder kaum betroffen. Island und Schweden übrigens haben ihre Schulen nie geschlossen. Auch dort geht die Zahl der Neuinfektionen zurück.

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