Meinung
Leitartikel

Corona-Exit: Augenmaß statt Angst

| Lesedauer: 3 Minuten
Georg J. Schulz
Georg J. Schulz, Chefreporter des Hamburger Abendblatts

Georg J. Schulz, Chefreporter des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Warum wir den Corona-Stillstand jetzt Schritt für Schritt durchbrechen müssen

Als ich Mitte März durch die verwaiste Hamburger Innenstadt gegangen bin, habe ich mich gefragt, wie das bloß alles weitergehen soll. Ich war voller Sorge, denn schreckliche Bilder aus Italien, düstere Prognosen aus Spanien und Frankreich sowie der starke Anstieg von Sars-CoV2-Infektionen auch bei uns hatten das ganze Land in einen Ausnahme­zustand versetzt. Das Gesundheitssystem drohte zu kollabieren, Teile der Wirtschaft legten eine Vollbremsung hin, an den meisten Geschäften hingen Hinweise, dass man für unbestimmte Zeit geschlossen habe.

Dann kam ich vor eine Tür, auf der stand: „Wir öffnen wieder am 16. April.“ Das war anfangs jenes Datum, das der Hamburger Senat in seiner Allgemeinverfügung als möglichen Termin einer Lockerung der strengen Maßnahmen in Aussicht gestellt hatte. Und von einem Moment auf den nächsten keimte die Hoffnung in mir auf: Vielleicht wird ja doch nicht alles so schlimm.

Nun ist ein Monat vergangen und in Teilen der Welt jene Situation eskaliert, die viele Experten für die größte medizinische, ökonomische und gesellschaftliche Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg halten. Wer in die USA blickt, sieht Abertausende Tote und Abermillionen Arbeitslose – dazu einen Präsidenten, der mit Kriegsrhetorik seine eigene Unfähigkeit überspielt. Woanders, etwa in Ecuador, stapeln sich gar die Leichen auf der Straße. Doch was ist mit Deutschland, mit Hamburg?

Wir haben das Glück gehabt, dass unser oft kritisierter Staat funktioniert. Ob Dauerkanzlerin, SPD-Finanzminister, grüner und weiß-blauer Ministerpräsident oder Erster Bürgermeister dieser Stadt: Sie alle haben uns ohne Populismus vor größerem gesundheitlichen Schaden bewahrt. Und werden nun, an diesem Mittwoch, darüber beraten, wie eine Strategie für die nächsten Wochen und Monate aussehen kann.

Wer Risikopatient ist, ein gesichertes Einkommen hat und vielleicht einen eigenen Garten, der könnte versucht sein, den Zustand des Stillstands zu verlängern, bis ein Impfstoff oder ein zuverlässiges Notfallmedikament gefunden ist. Doch so lange kann niemand warten.

Denn klar ist: Das Virus, das uns so viel Angst macht, wird länger bleiben, als wir Türen zusperren können, ohne uns zu ruinieren – psychisch wie finanziell. Deshalb heißt es nun, orientiert an den Empfehlungen der Leopoldina-Kommission, Lockerungen zu beschließen, als Erstes im Einzelhandel, vielleicht bald in der Gastronomie und in den Schulen.

Bürgermeister Peter Tschentscher will dabei „im Geleitzug“ mit den anderen Bundesländern vorgehen und die Zahl verfügbarer Intensivbetten zum Maßstab allen Handelns machen. Es geht also nicht darum, möglichst niemanden krank werden zu lassen, sondern lediglich darum, das Infektionsgeschehen nicht eskalieren zu lassen. Vor allem für gesunde Jüngere, denen das Virus offenbar nicht mehr anhaben kann als eine Influenza, bedeutet das einen Weg zurück zur Normalität, auch wenn wohl bald alle Masken tragen und weiterhin Abstand halten sollen. Ältere und Vorerkrankte hingegen müssen weiterhin bangen, auf Hilfe, höchstmögliche Hygiene und gegenseitige Rücksichtnahme hoffen und natürlich auf sich selbst achtgeben.

Ist das zumutbar? Ich finde, das ist es. Denn wir lassen trotz aller Vorsicht zu, dass Autos Unfälle bauen, Raucher an Krebs sterben, Millionen durch falsche Ernährung Diabetes bekommen. Kein Staat der Welt kann jeden Einzelnen vor jedem Ungemach schützen. Aber solange Politiker mit Augenmaß und Mitbürger mit Gemeinsinn an einem Strang ziehen, habe ich die Hoffnung, dass Hamburg und Deutschland aus dieser Krise herauskommen, ohne an ihr zu zerbrechen.

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