Meinung
Leitartikel

Corona-Krise: Unser Leben muss weitergehen!

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Alle Energie ist auf die Versorgung der Kranken gerichtet – aber auch die Wirtschaft müssen wir im Blick behalten.

„Einfach nur der Horror! Ich organisiere seit Tagen 24 Stunden durchgehend Zuschüsse, Kurzarbeitergeld, Kündigungen, Arbeitsrechtler, Steuerstundungen, Gewinnwarnungen, Selbstauskünfte ... Wir entlassen 20 von 30 Mitarbeitern und hoffen, dass wir bis September durchhalten und keine Insolvenz anmelden müssen, ich bin total im Arsch.“

Wer im Homeoffice arbeitet, weiter zum Einkaufen geht, zwischendurch den Frühling genießt und sich am Abend eine Netflix-Serie anschaut, wird sich mit dem neuen Leben in Zeiten von Corona arrangieren können. Wer hingegen in diesem Land ein unternehmerisches Risiko eingegangen ist und wirtschaftliche Verantwortung trägt, dem steht längst der Angstschweiß auf der Stirn – siehe der zitierte Unternehmer oben.

Corona-Stimmung zwischen Armageddon und Apokalypse

In vielen Bereichen der Wirtschaft pendelt sich die Stimmung zwischen Armageddon und Apokalypse ein. Durch den Shutdown in Deutschland und in den Absatzmärkten brechen dem Mittelstand die Einnahmen weg: den Gastronomen, Werbern, Einzelhändlern, Handwerkern, den Industriebetrieben.

In nie da gewesener Dramatik nehmen die Wirtschaftsexperten ihre Schätzungen zurück. Vor einer Woche war noch von einer leichten Rezession die Rede, inzwischen von der „Mutter aller Rezessionen“. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnet vor: Wenn die Wirtschaftstätigkeit in Deutschland bis Ende April annähernd ruht, schrumpft das Bruttoinlandsprodukt um 4,5 Prozent; währt die Krise bis Ende Juli, beträgt der Einbruch schon 8,7 Prozent.

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Volkswirte rechnen mit einem Wirtschaftseinbruch von 7,2 Prozent

Jeder weitere Tag eines Shutdown ist ein teurer Tag. Schenkt man Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Glauben, der an allen Krisenkonferenzen im Kanzleramt teilnimmt, dürfte die „leichtere Variante“ zu optimistisch sein. „Ich gehe davon aus, dass wir sicherlich den ganzen Monat April und den ganzen Monat Mai mit den Folgen zu tun haben“, sagte er. Nun hat auch das ifo-Institut seine Prognosen aktualisiert. Im besten Fall rechnen die Volkswirte mit einem Wirtschaftseinbruch von 7,2 Prozent – es könnte auch eine Schrumpfung von 20,6 Prozent werden.

Video-Interview mit UKE-Expertin über Corona

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Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar warnt, dass der Ausnahmezustand für lange Zeit zum Normalzustand wird. Schon bald stellt sich dann die Frage, wann die immensen indirekten Kosten des gesellschaftlichen Stillstands und des ökonomischen Vollstopps zu weiteren Schäden von Gesundheit, Leib und Leben führen.

Die Liste der Gefährdeten ist lang und reicht vom überforderten Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen über Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs bis zu den vielen Selbstständigen und Arbeitnehmern, die Job und Lebensaufgabe verlieren.

US-Notenbank senkt Zinsen, aber die Kurse fallen

Diese Folgen sind während der akuten Krise naturgemäß weniger im Blick. Aber sie kommen auf uns zu – und alle Notenbanken und Politiker können diese Folgen nur lindern. Die Zentralbanken nutzen ihr ganzes Instrumentarium, um die Lage in den Griff zu bekommen. Im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie hat die Europäische Zentralbank ein Notkaufprogramm für Anleihen der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft in Höhe von 750 Milliarden Euro angekündigt.

Die US-Notenbank hat inzwischen gleich zweimal die Zinsen gesenkt. Trotzdem fallen die Kurse weiter.

Längst wirkt sich der Kurssturz auf die Realwirtschaft aus. Ein Minus beim Dax von zwischenzeitlich 40 Prozent und beim Dow von 35 Prozent erinnert an die Finanzkrise 2008, die Schnelligkeit sogar an die Wirtschaftskrise von 1929. So weit wird es dieses Mal nicht kommen – auch weil alle Beteiligten gelernt haben.

Die globalen Verwerfungen wachsen

Einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um fünf Prozent haben die deutschen Produzenten nach 2008/09 binnen Monaten aufgeholt. Auch 2020 könnte die Industrie sich schnell von dem Nachfrageschock erholen. Anders hingegen sieht es bei Veranstaltern, Gastronomen, Hotels aus – ihr Minus ist kaum zu kompensieren. Eine Feier kann nachgeholt werden, aber viele geplante Reisen, Ausflüge und Veranstaltungen nicht.

Auch im Einzelhandel mag es Aufholeffekte geben, aber viele Geschäfte werden eine lange Schließphase nicht überstehen. Auch anderen Branchen mangelt es an Liquidität, um ein wochenlanges Einfrieren zu überstehen.

Zudem wächst die Gefahr globaler Verwerfungen in Folge von Corona. Die Euro-Krise 2010 in Griechenland war eine direkte Folge der Finanzkrise – und für Südeuropa desaströs. Italien hat noch immer nicht das Niveau von vor 2008 erreicht und droht nun als Hauptkrisengebiet wegen Corona zum nächsten Auslöser einer Eurokrise zu werden. Die Konjunktur auf dem Kontinent steht am Abgrund.

Dramatischer Vergleich zur Finanzkrise

Sollte die Wirtschaft jetzt über Monate stillstehen, stellt sich bald eine andere Frage: Wirkt das Medikament am Ende tödlicher als das Virus?

Die Frage ist nicht so zynisch, wie sie klingen mag: Die Folgekosten der Finanzkrise von 2008 waren ebenfalls tödlich, die Opfer nur nicht so sichtbar. Wissenschaftler des Londoner Imperial College haben 2016 in einer Studie die Todesraten nach der Wirtschaftskrise analysiert – mit frappierenden Ergebnissen. Demnach sind zwischen 2008 und 2010 weltweit bis zu eine halbe Million Menschen zusätzlich durch Krebs gestorben. Viele Patienten konnten nicht mehr angemessen behandelt werden - einerseits, weil ihnen aufgrund von Arbeitslosigkeit das Geld für eine angemessene Behandlung fehlte, andererseits, weil das Gesundheitswesen zusammengespart worden war.

Allein in der EU sollen demnach 160.000 Menschen zusätzlich an Krebs gestorben sein. Hinzu kommen andere Todesursachen: In 54 Ländern wuchs die Zahl der Suizide nach der Finanzkrise 2008 – etwa 5000 Männer nahmen sich demnach zusätzlich das Leben.

Man darf diese Daten auch angesichts der Corona-Krise nicht ausblenden, sondern sollte die kommenden Wochen nutzen, um sämtliche Kapazitäten für Intensivbetten und Beatmungsgeräte hochzufahren und Notkrankenhäuser in ganz Europa zu errichten. Risikogruppen müssen konsequent in Quarantäne.

Denn nach der Krise muss das Leben weitergehen. Die Frage ist, wie das Leben weitergeht.