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Der Tennis-Bund hat die Zeichen erkannt

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Björn Jensen
Björn Jensen ist Sportredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Björn Jensen ist Sportredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Marcelo Hernandez

Die Lücken zur Weltspitze sind im männlichen und weiblichen Nachwuchs groß. Verband steuert mit neuem Förderkonzept gegen.

Daviscup in Düsseldorf, das ist für Tennisfreunde in Deutschland stets ein willkommener Anlass, den Blick in die glorreiche Vergangenheit zu richten. Anfang Dezember 1993 gewannen Michael Stich, Marc-Kevin Goellner und Patrik Kühnen mit Niki Pilic als Teamchef in der Messehalle der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt das Finale des traditionsreichsten Mannschaftswettkampfs im Sport mit 4:1 gegen Australien. Es war nach 1988 und 1989 der dritte Titelgewinn für die deutsche Nationalmannschaft – und der bis dato letzte.

An diesem Freitag und Sonnabend nehmen die besten Tennisspieler des Landes wieder einmal Anlauf, die Geschichte ihres Sports umzuschreiben. Gegner im Düsseldorfer Castello ist Weißrussland, es geht um die Qualifikation für die Endrunde des 2019 reformierten Wettbewerbs, die im November in Madrid ansteht. Die Helden heißen nicht mehr Stich, Goellner und Kühnen, sondern Jan-Lennard Struff, Philipp Kohlschreiber oder Dominik Koepfer. Die Zielsetzung jedoch, die Teamchef Michael Kohlmann ausgegeben hat, hat sich nicht geändert. Deutschland will den Daviscup; wenn nicht in dieser Saison, dann zumindest bis zum 30. Jahrestag des Triumphs von 1993.

Ohne Toptalent Alexander Zverev liest sich die Bilanz verheerend

Tatsächlich ist dieses Ansinnen nicht unrealistisch. Träte Deutschland in Bestbesetzung an, also mit dem Hamburger Alexander Zverev und Struff in den Einzeln sowie dem Grand-Slam-Siegerdoppel Kevin Krawietz/Andreas Mies, könnte man mit der Weltelite mithalten. Zverev jedoch, aktuell Siebter in der Weltrangliste, ist, was Einsätze im Nationalteam angeht, ein unsicherer Kantonist. Der 22-Jährige stellt, wie auch in dieser Woche, sein persönliches Fortkommen bisweilen vor den Dienst im Auftrag des Deutschen Tennis Bundes. Und das stellt den Verband vor ein Pro­blem, das er in noch krasserer Form im Damenbereich hat: Es fehlt an Erfolg versprechendem Nachwuchs.

Die Lücke, die im Fedcupteam hinter den Ü-30-Granden Angelique Kerber, Julia Görges und Andrea Petkovic klafft, ist in den vergangenen Monaten hinreichend thematisiert worden. Bei den Herren ist die Lage indes kaum besser. Zverev als Vertreter der „New Generation“ wird zwar gern als Feigenblatt benutzt, um die Blöße im Nachwuchsbereich zu bedecken. Doch ohne das Toptalent, das ohne viel Zutun des DTB von seinen Eltern und seinem Bruder Mischa (32) in die Weltspitze geführt wurde, liest sich die Bilanz verheerend.

DTB hat sich auf den Weg gemacht, seine Förderung zu optimieren

Unter den Top 100 der Welt steht neben Zverev, Struff (29) und Kohlschreiber (36) mit Dominik Koepfer (25) nur noch ein weiterer deutscher Spieler, der ebenfalls nicht über die Leistungszentren des Verbandes, sondern dank des US-Collegesystems seinen Weg ins Profigeschäft ging. Wer mit DTB-Verantwortlichen über das Daviscup-Team der Zukunft spricht, hört Namen wie Rudi Molleker, Daniel Altmaier oder Marvin Möller. Molleker (19) steht aktuell an Position 187 der Welt, hat mit dem Verband allerdings auch bereits eine Historie an Streitigkeiten zu bieten und gilt zudem als übertrieben selbstbewusst. Altmaier (21/Nr. 214) und Möller (21/aktuell nicht gelistet) haben zwar Talent, aber nicht die Qualität für höchste Ansprüche – und sind zudem leider recht verletzungsanfällig.

Immerhin: Der DTB hat die Zeichen erkannt und sich auf den Weg gemacht, seine Förderung zu optimieren. Man habe, gibt Bundestrainer Kohlmann zu, in den vergangenen Jahren zu wenig für die Ausbildung und dafür getan, dass den besten Talenten des Landes der Sprung vom Jugend- in den Erwachsenenbereich gelingen kann. Seit der Verband 2017 in die Grundförderung des Bundesinnenministeriums aufgenommen wurde, hat er seine Förderkonzepte umgestellt. Es wurden mehr Nachwuchstrainer eingestellt; die Talente können deutlich häufiger an internationalen Turnieren teilnehmen, um sich mit den Besten der Welt in ihren Altersklassen zu messen. All das sind, in Verbindung mit dem deutschen Weg in der dualen Berufsausbildung, wichtige Mosaiksteinchen, um dauerhaft um den Titel im Daviscup mitspielen zu können. Bis sie ineinandergreifen, muss Tennis-Deutschland auf Zverev und Struff setzen.

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