Meinung
Hamburger Kritiken

Corona und die Schattenseite der Globalisierung

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes

Foto: HA

Die entgrenzte Welt birgt nicht nur neue Chancen, sondern auch Gefahren: Die drohende Pandemie zeigt wachsende Verletzlichkeit.

Globalisierungskritiker waren bislang ein eher bunter Haufen: Auf der linken Seite kritisieren Menschenrechtsgruppen schon seit bald drei Jahrzehnten die Schattenseiten einer entgrenzten Weltwirtschaft; ins Rechtspopulistische gewendet erzählen seit einigen Jahren Donald Trump, Boris Johnson und Matteo Salvini dieselbe Schauergeschichte, von einer bösen neuen Welt, welche die gute alte Zeit verdrängt hat.

Während die einen Ausbeutung und Armut kritisieren, beklagen die anderen Kontrollverlust und Migration. Die schöne Geschichte vom globalen Dorf, das durch Welthandel, Billigflieger und Internet zusammenschnurrt, hat seither einiges von ihrem Zauber verloren. Und die pandemische Ausbreitung des Corona-Virus könnte ein Sargnagel für die Globalisierung werden. Denn das Versprechen, dass der internationale Austausch von Waren, Ideen und Menschen immer schneller und stärker wird, stößt an sein Ende. Die Verunsicherung jedenfalls wird weiter wachsen.

Widerstand gegen die Globalisierung

Schon seit einigen Jahren steigt die Skepsis und wächst der Widerstand gegen die Globalisierung. Die Flüchtlingskrise etwa hat in Deutschland erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine rechtspopulistische Partei in alle Parlamente gehievt: Das Unbehagen über diese Zuwanderung, die Wolfgang Schäuble (CDU) als „Rendezvous mit der Globalisierung“ bezeichnet hat, ist die deutsche Spielart der Globalisierungskritik.

Überall in der Welt spielen Politiker – ob Donald Trump, der Front National oder die Brexiteers – mit der tief sitzenden Angst vor den Fremden und machen diese zu Sündenböcken der Fehlentwicklungen. In vielen anderen Ländern kommen Wohlstandsverluste hinzu, welche die Globalisierung verursacht hat. Anders als Deutschland zählen eben etliche alte Industriestaaten zu den Verlierern des wachsenden Welthandels, weil sie der Billigkonkurrenz aus Fernost nichts entgegen zu setzen vermochten. Italien etwa steckt in einer tiefen Wachstumskrise, der Rostgürtel der de-industrialisierten Regionen in den USA trug maßgeblich zum Triumph Trumps bei. Und auch die Finanzkrise, die vor zwölf Jahren die Weltwirtschaft an den Abgrund beförderte, ist ohne Globalisierung kaum denkbar.

Gesellschaften sind gespalten

Es gab bislang viele Gewinner der Globalisierung, gerade in Deutschland. Auch die Gesellschaften sind gespalten, wie der britische Politologe David Goodhart beschrieben hat: Er beschreibt die „Somewheres“, die vor Ort verwurzelt sind und denen Gruppenzugehörigkeit, Vertrautheit und Sicherheit wichtig sind – und die „Anywheres“, die weltweit zu Hause und Individualisten sind. Die einen sind oft schlecht ausgebildet, arm, autoritätsfixiert, die anderen Akademiker, wohlhabend und grün- liberal. Letztere Gruppe ist in Politik, Wirtschaft und Medien überrepräsentiert, erste taucht wenig auf. Es ist wie in der Dreigroschenoper: „Denn die einen sind im Dunkeln/Und die anderen sind im Licht/Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Zudem gibt es die große Gruppe der „Inbetweener“, die bislang dazwischen steht – und nun aber zu den Anywheres tendieren könnten, weil die Globalisierung ihre Versprechen nicht mehr einlöst. Mehrere Dinge kommen derzeit zusammen: Recep Tayyip Erdogan, der islamistische Türsteher Europas, spielt mit der Öffnung der Grenzen und einem neuen Flüchtlingsstrom. Die Konjunktur leidet unter einem Reißen der Transportketten, dem Dax-Verfall und der wachsenden Verunsicherung. Zugleich wird immer mehr Menschen bewusst, wie blauäugig der Westen auf die Vorzüge der Globalisierung gesetzt hat: Wir können in Europa weder ein 5G-Netz aufbauen noch Medikamente herstellen, weil diese Kompetenzen nach Fernost abgeflossen sind. Und just in diesem Moment wachsen sich Corona-Sorgen zur Hysterie aus.

Ansammlung egoistischer Nachbarschaften?

Wenn die Globalisierung den Menschen nicht mehr Chancen und Wohlstand eröffnet, sondern für Kontrollverlust und Bedrohung steht, dürfte das Nationalismen befördern. Schon jetzt zeigt die Reaktion auf die Corona-Krise, dass das globale Dorf leider doch nur eine Ansammlung egoistischer Nachbarschaften ist: Jedes Land bekämpft das Virus mit einem eigenen Aktionsplan, weil man auf dieser Ebene eine Sprache spricht und die Mechanismen und Hierarchien reibungslos funktionieren. Manchem dämmert: Die Nation hat doch noch nicht ausgedient – vermutlich wird sie sogar gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.