Meinung
Glosse

Liebe Kinder, wozu ist eine Küche gut?

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher.

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher.

Foto: Reto Klar

Erinnerung an ein selbst gemachtes Frühstück und an einen Möhreneintopf, der drei Tage lang reichte für die ganze Familie.

Das selbst gemachte Frühstück ist ein unterschätztes Kulturgut. Man könnte morgens Obst schnippeln und ein Bioei kochen. Am Vorabend hätten wir Getreide fürs Birchermüsli eingeweicht. In einer Produktionskette würde die Familie Pausenbrote für Schule und Job anfertigen. So wird der Morgen zu einem kulturellen Akt, wo gemeinsam gearbeitet, geredet, gelacht wird. Und für deutlich unter 10 Euro hätten wir exzellente Zutaten und jede Menge Kaffee.

Die Realität: Um halb acht wartet das halbe Land missgelaunt, um in einem Kleinstaufbackbetrieb, früher als Bäckerei bekannt, für eine pappige Käseschrippe und Becherkaffee 5 Euro rauszuhauen. Für das morgendliche To-go-Budget ließe sich eine Kleinfamilie den ganzen Monat über vorzüglich verpflegen.

Hauswirtschaft ist zu Recht ein Lehrfach und Kochen mehr als molekularer Chichi-Schnickschnack. Man kann sich sehr wohl teuer und schlecht ernähren, auf Flughäfen etwa. Oder günstig und gut, dreieinhalb Meter entfernt von hier, in diesem Raum namens Küche. Dort, wo Kühlschrank und Mikrowelle stehen, liebe Kinder, wurden früher abgefahrene Sachen gemacht, Möhreneintopf etwa, der drei Tage reichte. Heute geht immer mehr absurd teures Fertigfutter durch die Supermärkte, während schlecht entlohnte junge Menschen Warmhaltewürfel mit Essensmatsche durch die Nacht karren.

Keine Zeit, sagen Menschen, ohne vom Smartphone aufzuschauen. Schon klar. Aber Zeit für Überstunden ist reichlich da, um den Lieferluxus zu finanzieren, oder für Fitness, um den Dreck wieder von den Hüften zu strampeln. Nein, niemand wird morgens an unserer Tür klingeln und uns ein selbst gestrichenes Brot mit Radieschenkunst reichen. Das müssen wir schon selbst machen.