Meinung
Leitartikel

NS-Gedenken: Die Stadthöfe-Fehlplanung

Jule Bleyer ist stellvertretende Leiterin der  Lokalredaktion.

Jule Bleyer ist stellvertretende Leiterin der Lokalredaktion.

Foto: Roland Magunia / HA

In den neuen Stadthöfen muss es einen würdigen Gedenkort an die NS-Verbrechen geben

Es gibt Dinge, über die kann man streiten. Ob man in der Hamburger Innenstadt noch mehr hochpreisige Geschäfte, edle Hotels und kaum bezahlbare Wohnungen braucht, zum Beispiel. Allerdings ist die Sache hier schon entschieden: Die Stadthöfe zwischen Neuer Wall, Stadthausbrücke und Große Bleichen sind fast fertig, erste Geschäfte, Restaurants und das Boutique-Hotel eröffnet. Und das Quartier ist – rein städtebaulich – gelungen. Historische Gebäudeelemente und Fassaden wurden erhalten, Denkmalschutz-Aspekte bei Um- und Neubau berücksichtigt, man spaziert gerne hindurch und über den neuen breiten Fußweg an der Straße Stadthausbrücke entlang, wo übrigens endlich auch ein vernünftiger Radfahrstreifen entstanden ist. Und doch: Es gibt eine erschreckende Fehlplanung.

Dass man in angemessenem Maße an die abscheulichen Verbrechen der Hamburger Polizei im Nationalsozialismus erinnern und der Opfer gedenken muss, darüber lässt sich eigentlich nicht streiten. Darüber darf man eigentlich nicht streiten. Dennoch geht dieser Streit weiter – obwohl die Sache hier ebenfalls schon entschieden ist.

Jüngst wurde in den Stadthöfen die Dauerausstellung zur Bedeutung dieses Gebäudes im Nationalsozialismus eröffnet. Genau hier war bis Juli 1943 das Hamburger Polizeipräsidium mit den norddeutschen Zentralen von Kriminalpolizei und Gestapo untergebracht. Hier wurden Menschen, die das NS-Regime nicht duldete, in dunklen, stinkenden Kellerzellen eingesperrt, immer wieder brutal verhört und gefoltert. Von hier wurde die Mitwirkung am Völkermord organisiert. Eine Zentrale des Terrors. Doch schon lange vor der Eröffnung der Ausstellung, schon Jahre vorher, gab es Proteste, weil der Erinnerung an die Verbrechen nicht genug Platz eingeräumt werde. Und es stimmt – die Dauerausstellung wird der Bedeutung des Ortes nicht gerecht.

Das liegt nicht an der inhaltlichen Aufarbeitung, hier haben die Historiker tolle Arbeit geleistet – den Umständen entsprechend. Denn was bekommt man auf gerade einmal 50 Quadratmetern, die als begehbare Ausstellungsfläche zur Verfügung standen, schon unter? Viel zu wenig. Und auch viel zu wenige Menschen, die sich das Ganze angucken können. Eine Schulklasse um acht Informationstische? Da braucht es eigentlich keinen jahrelangen Protest, um zu merken, dass das nicht funktioniert.

Dass die Dauerausstellung in einer Buchhandlung mit Café untergebracht ist, was ebenfalls viele kritisieren, stört gar nicht so sehr. Wenn dadurch noch mehr Menschen angelockt werden, umso besser. Das Problem ist die Enge. Der Wunsch der Initiative Gedenkort Stadthaus, die direkt angrenzende, rund 700 Quadratmeter große ehemalige Wagenhalle als Ausstellungsfläche dazuzunehmen, erscheint nicht nur logisch, sondern zwingend. Doch nach Angaben des Investors Quantum ist diese bereits vermietet. Warum hat die Stadt nicht von vornherein darauf bestanden, dass für die Dauerausstellung eine größere Fläche zur Verfügung gestellt werden muss? Warum muss die Immobiliengruppe, die ein 100.000 Quadratmeter großes Quartier zur Verfügung hat, auch noch diesen Raum vermarkten? Und kann ein Mieter, der sich eine solche Fläche leisten kann, nicht auch eine andere finden?

Über diese Fragen mag man sich nun weiterstreiten. Besser wäre es, wenn sich alle einig darüber wären, dass genau an diesem Ort ein richtiger Gedenkort entstehen muss. Nicht nur eine Dauerausstellung, von der ein Teil aus Platzgründen in einem zugigen Arkadengang aufgestellt werden musste.