Meinung
In eigener Sache

Wie Gespräche mit Politikern ablaufen

Tim Braune arbeitet in der Berliner Zentralredaktion.

Tim Braune arbeitet in der Berliner Zentralredaktion.

Foto: Ha / HA

Immer montags gehen wir an dieser Stelle auf Kritik an der Berichterstattung ein und geben Einblicke in unsere Arbeit.

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Freunde des
Hamburger Abendblatts,

immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik. Wir wollen auch über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und unseren Leserinnen und Lesern Einblicke­ in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit, eine E-Mail reicht. Die Adresse lautet: chefredaktion­@abendblatt.de. Heute geht es an dieser Stelle um die Arbeit der Abendblatt-Korrespondenten in Berlin, die verfolgen, was die Bundespolitik umtreibt und was in der Hauptstadt hinter den Kulissen passiert.

Egon Erwin Kisch wäre heute 134 Jahre alt. „Nichts ist erregender als die Wahrheit“, schrieb der rasende Reporter, der zu Zeiten der Weimarer Republik für Furore sorgte. Und „nichts ist spannender als die Nachricht“. Als Kisch Reportagen und Romane in seine Schreibmaschine hämmerte, war ans Internet und an Twitter noch nicht zu denken. Heute sind Korrespondenten in Berlin auf der Jagd nach den spannendsten Geschichten, bei der Einordnung neuester Reformvorschläge für die Rente oder der Analyse von Machtkämpfen beinahe rund um die Uhr auf vielen Kanälen unterwegs. Morgens läuft in der Küche der Deutschlandfunk, wenn die Brote für die Kinder geschmiert werden. Mit einem Auge wird die Flut der sogenannten Morning Letters gescannt, während das andere den Politiker im Frühstücksfernsehen verfolgt. Wenn der Nachwuchs in Schule und Kita verfrachtet ist, die Morgenkonferenz näher rückt, sind auf dem Weg ins Büro an der Friedrichstraße die sozialen Medien dran.

Welcher Amtsträger oder Journalistenkollege hat die steilste These in die digitale Umlaufbahn geschossen und sich einen Shitstorm eingefangen? Zwitscherten früher Informanten an der Bar dem Lebemann Kisch aufsehenerregende Geheimnisse zu, die dessen Leser erst sehr viel später aus den Druckerzeugnissen erfuhren, teilt der von der Kanzlerin wegen eines Thüringen-Jubeltweets geschasste Ost-Beauftragte der Bundesregierung am Sonnabend seinen Rauswurf selbst bei Twitter mit, um die Deutungshoheit über die eigene Demütigung zu erlangen.

Im Kurznachrichtendienst verkündet nur Stunden später der liberale Hasardeur Thomas Kemmerich seine sofortige Demission aus der Erfurter Staatskanzlei. Aber was passiert in den Stunden und Minuten vor diesen Entscheidungen, mit denen getriebene Akteure versuchen, den herbeigeführten, und von der AfD vorgeführten, Demokratieschaden zumindest ein Stück weit zu reparieren? Warum rief die Kanzlerin Bodo Ramelow an? Warum gab es in der SPD eine Telefonschalte nach der anderen, um einen zweiten Fall Maaßen zu verhindern? Die Geschichten hinter den Geschichten erfährt keiner, der nur im Netz surft.

In der Politik-Berichterstattung gilt wie beim Geheimdienst: Die menschlichen Quellen sind die ergiebigsten. Und die erschließen die Berliner Reporter und Reporterinnen des Abendblatts für ihre Leserinnen und Leser mit Hart­näckigkeit, Professionalität, Objektivität, Anstand, Fairness. So finden neben den Pressekonferenzen in Berlin regelmäßig Hintergrundgespräche von Politikern und Journalisten statt. Vieles davon landet leider nicht (unmittelbar) in der Zeitung, weil der Politiker es „unter Drei“ gesagt hat. Das bedeutet, es handelt sich um eine vertrauliche Information, die nicht öffentlich werden soll. Das kann ein Zitat, ein inhaltliches Detail sein, das für den Reporter als Hintergrundinformation wichtig ist, um den Ablauf eines Spitzentreffens oder einer politischen Entscheidung richtig zu beurteilen.

Oder der Politiker will im kleinen Kreis einen Vorschlag austesten, mit dem er erst später seine Partei und die Wähler konfrontieren will. „Unter Zwei“ sind übrigens die berühmten „Kreise“, es darf also zitiert werden, zum Beispiel aus Kreisen der Regierung. Sagt ein Politiker etwas „unter Eins“, erscheint das Zitat unter seinem Namen in der Zeitung. Diese vertraulichen Gespräche sind Räume, in denen Politiker sich trauen, ehrlich zu antworten. Wie sehr lastet die K-Frage auf einem oder einer, wie heftig war die Niederlage in einer parteiinternen Aus­einandersetzung?

Mit der vielfach unterstellten Kungelei zwischen Medien und Politik hat das nichts zu tun, wenn man seiner Arbeit professionell nachgeht. Die Rollen sind und bleiben klar verteilt. Würde die Kanzlerin – rein hypothetisch, denn die Physikerin Angela Merkel neigt auch im kleineren Kreis nicht zu waghalsigen
Experimenten – in einem „Unter-Drei-Gespräch“ ankündigen, im nächsten Jahr noch vor der Bundestagswahl eine Grundgesetzänderung anzustreben, um auf Lebenszeit an der Macht zu bleiben, würde das unter Abwägung des öffentlichen Interesses keine fünf Minuten geheim bleiben. In der echten Politik wird Merkel im Herbst 2021 abtreten.