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Warum RB Leipzig in die Bundesliga gehört

Iris Mydlach ist  Redakteurin  im Sportressort  des Abendblatts.

Iris Mydlach ist Redakteurin im Sportressort des Abendblatts.

Foto: Mark Sandten / Funke Foto Services

Ja, Tradition ist ein wichtiger Wert im Fußball. Aber in diesen Zeiten sind andere Themen wichtiger geworden.

Es gibt einen guten Trick, um ein lahmendes Gespräch in der Mittagspause zügig in die Gänge zu bringen – vorausgesetzt, die Anwesenden interessieren sich zumindest ansatzweise für Fußball: Man lenkt die Aufmerksamkeit auf RB Leipzig. Anlässe gibt es reichlich; wer einen aktuellen braucht, kann ja einfach das Topspiel des kommenden Spieltags nehmen: FC Bayern München gegen RasenBallsport Leipzig, Sonntag, 18 Uhr.

„Red Bull Leipzig, wolltest du wohl sagen.“ So wird der erste Einwand dazu lauten. Jede Wette.

Das Gespräch, das darauf folgt, wird sich sehr schnell um Themen wie Tradition und Retorte drehen, um unlauteren Wettbewerb und das inzwischen tatsächlich sagenhafte Sport-Imperium eines österreichischen Limonade-Fabrikanten. Das ist immer unterhaltsam. Weil es immer emotional ist. RB Leipzig hat nicht viele Freunde, im Grunde kenne ich keinen einzigen.

Großes Glück für die gesamte Bundesliga

Und zugegeben: Man muss das Wirken und Walten des politisch umstrittenen Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz im deutschen Fußball nicht toll finden. Man kann es auch durchaus ablehnen. Zur Kenntnis sollte man bei aller Skepsis aber trotzdem nehmen, dass das Engagement des Bundesligisten RB Leipzig ganz und gar nicht in der politischen Tradition seines Hauptsponsors steht. Und dass dieser Umstand ein großes Glück ist, nicht nur für den ostdeutschen Fußball. Sondern für die gesamte Bundesliga.

RB Leipzig steht für Toleranz, Re­spekt und Weltoffenheit – eine Überzeugung, die der Club immer wieder deutlich macht, zuletzt anlässlich der Landtagswahl am 1. September 2019. An mehr als 300 Standorten konnten die sächsischen Wähler auf Plakaten die Botschaft der RB-Profis und Trainer Julian Nagelsmann lesen: „Bunt“ oder „Vielfältig“ war auf den Schildern zu lesen, die sie in die Kamera hielten.

Auch wenn beim Deutschen Fußball-Bund noch immer die Meinung vertreten wird, Fußball habe mit Politik nichts zu tun, ist natürlich das Gegenteil der Fall. „In meiner Mannschaft spielen Profis aus 14 unterschiedlichen Nationen. Der Fußball vereint und verbindet. Unser Ball ist bunt und bleibt bunt“, sagte Nagelsmann zu der Kampagne und vertrat damit ein Weltbild, das in Sachsen nicht von allen Fußballfans bejubelt werden dürfte. 27,5 Prozent erzielte die AfD bei der Landtagswahl 2019.

Strategie des Vereins – oder auch Haltung

Im benachbarten Thüringen kam am Mittwoch zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein Ministerpräsident nur mit Hilfe der – von einem Faschisten geführten – AfD ins Amt. So viel zum Umfeld, in dem der Verein RB Leipzig Woche für Woche seine gesellschaftlichen Überzeugungen lebt. Dass dadurch eine gewisse Klientel der Red-Bull-Arena fern bleibt, ist Teil dieser Strategie. Man könnte sie durchaus auch Haltung nennen.

Wenn sich also am Sonntag mit FC Bayern und RB Leipzig in der Allianz-Arena die alte und die neue Bundesliga gegenüberstehen, dann sollte es nicht nur darum gehen, wie legitim die Millionen Euro denn sind, über die sowohl die einen als auch die anderen in großer Menge verfügen. Sondern viel eher darum, wie sie verwendet werden.

Bayern München zum Beispiel verbrachte sein Winter-Trainingslager wie schon in den Jahren zuvor in Katar – ein Staat, der sich die Stadien für die bevorstehende Weltmeisterschaft von Menschen errichten lässt, die unter sklaverei-ähnlichen Bedingungen arbeiten und leben.

Mannschaft des RB Leipzig blieb in Sachsen

Seit Bayern München Partner von Katar ist, habe es nachweislich eine Entwicklung in Sachen Menschen- und Arbeiterrechte zum Positiven gegeben, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Wie diese Entwicklung konkret aussah, ließ er offen. Derweil verbrachte die Mannschaft von RB Leipzig die Winterpause im heimischen Sachsen.

Man kann darüber streiten, ob man die Liga und damit auch die Traditionsvereine besser schützen muss vor dem Einfluss und den rein kommerziellen Interessen großer Konzerne. Man sollte aber nicht vergessen, dass es in diesen Zeiten vielleicht Wichtigeres gibt, als sich in Diskussionen über Tradition und Kommerz zu verlieren.