Meinung
Hamburger Kritiken

Das ist der reine Bahn-Sinn

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Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes

Foto: HA

In Zeiten der Klimakrise sollen die Bürger auf den Zug umsteigen. Eine gute Idee – wenn nur die Deutsche Bahn da mitkäme...

Jeden Tag frage ich mich, was eigentlich von Umfragen zu halten ist: Da sind die Hamburger der Meinung, dass die Verkehrsprobleme das größte Übel in Hamburg sind – in diesem Punkt mag man noch zustimmen. Wenn es aber um die Lösung geht, wird es kompliziert.

Alles soll bleiben, wie es ist – und der Stau, das sind die anderen: Eine Stadtbahn lehnen die meisten ab, der Ausbau von Geh- und Radwegen zulasten des Autoverkehrs bekommt nur eine knappe Mehrheit. Zugleich wollen zwei Drittel der Hamburger autofreie Innenstadtbereiche. Da möchte man den Verkehrspolitikern gutes Gelingen wünschen – viel Glück bei der Quadratur des Kreises.

Einfach mal ohne Auto in die Stadt

Ich persönlich wäre schon froh, wenn die Hälfte der Leute, die für autofreie Zonen plädieren, einfach mal ohne Auto in die Stadt fährt – so wäre dem Klima und den Anwohnern, aber auch Radlern und Fußgängern geholfen. Und wer als Autofahrer mal wieder im Stau steht, sollte sich einmal fragen, wie viele der anderen Fahrer beim nächsten Anruf der Meinungsforscher im Brustton der Überzeugung für den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr plädieren.

Wir haben – seitdem Greta auch bei uns Einzug in die Kinderzimmer gehalten hat – einmal den Versuch gewagt, die 140 Kilometer ins Oldenburgische statt mit dem Auto mit dem Zug zu wagen. Seitdem ist nicht nur bei den Kindern die Begeisterung für den öffentlichen Nahverkehr erloschen. Man kann mit Leidensgeschichten über die Deutsche Bahn ja inzwischen nicht nur Nächte durcherzählen, sondern auch ganze Bibliotheken füllen. Oder zumindest diese Kolumne.

Bahn-App: Halt Hauptbahnhof entfällt

Es ging an einem Freitag schon gut los: „Halt Hauptbahnhof entfällt“ stand schnörkellos in der Bahn-App. Statt wie geplant um 17:37 mussten wir zehn Minuten früher am Hauptbahnhof sein, um den Zug nach Harburg zu besteigen. Wer sich ganz konservativ auf so etwas wie nichtdigitale Fahrpläne verlassen hatte, war zu diesem Zeitpunkt schon raus. Die Cleveren durften in Harburg umsteigen. Dort kam der Zug nach Bremen dann auch tatsächlich an – mit 30 Minuten Verspätung und auf einem anderen Gleis, aber immerhin.

Der freundliche Schaffner erklärte uns fröhlich, dass er um die Umstände durchs Umsteigen wisse, aber so komme der Zug in Harburg fast pünktlich los. Und das sei doch das Wichtigste.

Noch wichtiger, könnte man anmerken, sei das pünktliche Ankommen. Denn der Nahverkehrszug strandete bald im schönen Sprötze. Wegen einer Signalstörung stauten sich mehrere Züge in dem kleinen Bahnhof – und die Weiterfahrt verzögerte sich um weitere Minuten. Mit 20 Minuten Verspätung liefen wir in Bremen ein – leider ohne die versprochenen Informationen über die Anschlusszüge.

Für Alleinreisende ist eine Stunde am Abend auf dem Bremer Hauptbahnhof eine Zumutung

Da uns laut Fahrplan 16 Minuten zum Umsteigen blieben, rannten gleich mehrere Fahrgäste in der Hoffnung, den Zug nach Osnabrück zu erreichen, zum Gleis: Zu spät, die Nordwestbahn hatte sich ohne uns auf den Weg gemacht – der nächste Zug fuhr in 55 Minuten. Für Alleinreisende ist eine Stunde am Abend auf dem Bremer Hauptbahnhof eine Zumutung, mit mehreren Kindern erinnert sie an Dantes Vorhölle. Vor allem wenn am Infopoint erklärt wird, warum die Nordwestbahn nicht warten konnte: „Wir arbeiten an der Pünktlichkeitsoffensive.“ Früher los, später da, läuft ja super, diese Offensive. 140 Kilometer von Haustür zu Haustür in 260 Minuten, gut 30 Kilometer pro Stunde. Ein Einzelfall?

Nun, die Rückfahrt wartete mit weiteren Hindernissen auf. In Delmenhorst mussten wir umsteigen, weil wegen des Lokführermangels die Züge am Wochenende leider nicht mehr durchfahren können. Und, ach ja, der ICE ab Bremen hatte dann 50 Minuten Verspätung.

Deutsche Bahn: kaputtsaniert, kaputtprivatisiert, kaputtgespart

Wer die Bahn regelmäßig nutzt, stellt sich längst die Frage, wie dieses Verkehrsmittel, das über Jahrzehnte kaputtsaniert, kaputtprivatisiert, kaputtgespart wurde, eigentlich seinen bitternötigen Anteil an der Verkehrswende stemmen soll? Es mangelt an fast allen und allem, an Lokführern und Bauarbeitern, an Weichen und Strecken, an Material und an Wartung, an Kapazitäten und Know-how.

Allein die Versäumnisse der kolossal gescheiterten Privatisierung aufzuholen dürfte Jahrzehnte dauern. Und die zwangsläufig nötigen Streckenausbauten und Neubauten sind bei der Geschwindigkeit von Infrastrukturmaßnahmen in Deutschland vermutlich erst 2040 verfügbar, vielleicht auch 2050. Bis dahin werden weiterhin viele ins Auto geradezu genötigt. Das ist bitter genug.

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