Meinung
Meine wilden Zwanziger

Meine besondere Wischmopp-Lektion

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Wohnung mag hellhörig sein – aber warum sind wir so dünnhäutig? Gegen den Spießer in uns hilft am besten Lachen.

Neulich, an einem Freitagabend um 23 Uhr, kamen unsere Nachbarn von oben auf die Idee, ihre neuen Möbel aufzubauen. Mein Freund und ich lagen im Bett, verrotzt von einer Erkältung. Schlafen war alles, wonach wir uns sehnten. Ging aber nicht. Direkt über unseren Köpfen zogen die Nachbarn Schränke über den dünnen Holzboden. Den Stimmen nach zu urteilen, war eine ganze Schar Hobbyhandwerker angerückt, um bei ein, zwei Bierchen die Bude aus­einanderzunehmen.

Unsere Wohnung ist derart hellhörig, dass wir uns nicht sicher waren, ob das Hämmern vielleicht doch aus unserem eigenen Wohnzimmer kam. Das war immerhin nicht der Fall. Wir haben vorsichtshalber nachgeschaut. Decke über den Kopf ziehen, tief durchatmen, sich auf etwas anderes konzentrieren – es half alles nichts. Nach zehn Minuten lagen die Nerven blank. Und dann fingen sie an zu bohren. „Ich hole jetzt den Besen!“, rief mein Freund und sprang auf.

Da wir keinen Besen haben, kam er mit dem Wischmopp zurück ins Schlafzimmer. „Wenn die noch einmal bohren, klopfe ich gegen die Decke“, sagte er fest entschlossen. „Das machst du nicht. Wie spießig sind wir denn bitte?!“

Mit dem Wischmopp gegen die Decke zu poltern ist so klischeehaft wie die Frauenwitze von Mario Barth. Wenn ich mir einen Menschen vorstelle (natürlich fiktiv!), der so etwas machen würde, sehe ich die 83-jährige Liselotte vor mir, die nie im Treppenhaus grüßt, weil sie keine Menschen mag. Deshalb lebt sie mit ihren zwölf Katzen allein in einer Wohnung und verlässt das Haus nur zum Einkaufen. Sie hätte nicht nur zum Besen gegriffen, sondern gleich die Polizei gerufen. Aber nichts für ungut, Liselotte. Du schlummerst in jedem von uns.

Für mich ist Liselotte ein Sinnbild unserer gestressten Gesellschaft, die immer schneller gereizt reagiert. Name, Alter, Geschlecht sind beliebig austauschbar. Wir alle kennen diese Dünnhäutigkeit. Immer wenn ich abends einen Parkplatz in meiner Straße suche, hängt das Auto hinter mir fast in meinem Kofferraum. Der Fahrer kann es kaum abwarten, mich zu überholen, manchmal werde ich wütend angehupt. Meistens hupe ich wütend zurück. Der Straßenverkehr bringt die schlechtesten Seiten in uns zum Vorschein.

Ein anderes Beispiel erlebte ich neulich in der Bahn. Die U 1 war nach dem Feierabend proppevoll, die Leute standen bis in die Gänge. Dabei berührte ein stehender Mann mit seiner Hüfte den Rücken eines sitzenden Mannes. Der Sitzende fand das gar nicht lustig: „Hören Sie auf, sich bei mir anzulehnen“, schimpfte er und wischte über seinen Mantel, als hätte ihn der Herumstehende gerade mit dem Ebolavirus infiziert.

Beim Einkaufen begab sich eine Dame in die Höhle der Löwen. Sie wollte an der Kasse im Supermarkt nur schnell eine Strumpfhose umtauschen und drängelte sich deshalb an der langen Schlange vorbei. Diese Geschichte erlebte ich in der Vorweihnachtszeit. Sie wissen schon, jene Zeit, in der wir alle so furchtbar harmonisch und besinnlich drauf sind. Nicht. Der ganze Akt dauerte zehn Minuten. Die Schlange wäre am liebsten über sie hergefallen.

Immer wieder begegnen einem im Alltag Situationen, in denen Menschen (man selbst eingeschlossen) sensibel reagieren. Wir haben alle keine Zeit. Wir gestressten Wesen können es nicht leiden, wenn jemand sein Kleingeld vor uns am Fahrkartenautomaten loswerden will. Oder sich beim Bäcker nicht entscheiden kann, welches Brötchen er kauft. Oder mit seinem Auto gar zu langsam um die Ecke biegt und uns wertvolle zwei Sekunden klaut. Sind wir wirklich so unausgeglichen? Frustriert?

Ich möchte nicht so sein wie Liselotte. Sorry noch einmal an alle freundlichen Namensvetterinnen, dass ich ausgerechnet dieses Pseudonym gewählt habe. Jedenfalls: Am Morgen nach dem Wischmopp-Gate lehnte der Feudel an der Wand. Unbenutzt. Wir haben uns über unsere eigene Spießigkeit totgelacht und natürlich nicht gepoltert. Vermutlich waren unsere Nachbarn unter uns kurz davor, weil wir plötzlich laut waren. Nach 20 Minuten hörte das Bohren auf. Ich finde, wir sollten uns alle mal mehr entspannen. Die Zündschnur verlängern. Und nicht mit einer Hand am Wischmopp durchs Leben laufen.