Meinung
Leitartikel

2020 – Jahr der Chancen für die Wirtschaft

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Handelskonflikte und Brexit könnten einigen Branchen mächtig zusetzen, aber es gibt auch Lichtblicke.

Hamburg schaut ökonomisch auf ein gutes Jahr 2019 zurück. Noch nie hat es so viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in der Stadt gegeben, der Umschlag im Hafen ist gewachsen, auf dem Bau sowie im Handwerk können sich die Unternehmen vor Aufträgen kaum retten, und der Einzelhandel freut sich über ein sattes Umsatzplus. Mit Blick auf diese Ausgangslage könnte die Wirtschaft in der Stadt durchaus mit einer großen Portion Optimismus auf 2020 schauen. Doch Vorsicht ist geboten, denn es gibt erste Anzeichen, dass Konjunktur und Arbeitsmarkt im neuen Jahr zu schwächeln beginnen.

Gerade die exportorientierten Industriebetriebe und der Hafen gehen mit tiefen Sorgenfalten in die kommenden Monate. Zwar hat Hamburg nach einem schier endlosen juristischen Kampf jüngst mit der Elbvertiefung begonnen, doch nun drohen dabei hausgemachte Verzögerungen, welche die Reedereien irritieren. Hinzu kommen die langwierigen Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China, von denen die Handelsdrehscheibe Hamburg nicht unberührt bleiben wird. Und auch der Brexit, der immer näher rückt und dessen Konsequenzen auf die internationalen Handelsströme niemand seriös voraussagen kann, sorgt in der Stadt für Verunsicherung.

Der Arbeitsmarkt ist quasi leergefegt

Am Arbeitsmarkt dürften 2020 nicht nur die Sparprogramme der Banken und Versicherungen abzulesen sein. Hinzu kommt das Problem des Fachkräftemangels, von dem bereits nahezu jede Branche betroffen ist. Supermarktketten in der Stadt finden keine Filialleiter mehr, Industriebetriebe suchen verzweifelt nach Ingenieuren – und vom Mangel an IT-Experten sind nahezu alle Wirtschaftszweige in Hamburg betroffen.

Im Klartext: Der Arbeitsmarkt ist quasi leergefegt. Viele Erwerbslose, die aktuell noch in den Statistiken auf der Angebotsseite stehen, passen nicht zur Nachfrage der Firmen. Diese Diskrepanz ist gefährlich, verhindert sie doch Wachstum und Wohlstand. Arbeitsagentur, Politik und Unternehmen müssen kreative Lösungen finden, um allzu negative Auswirkungen auf den hiesigen Wirtschaftsstandort zu verhindern. Die Integration und Weiterbildung von Zuwanderern ist ein Weg, aber ausreichen wird er nicht.

Bekommt Hamburg eine autofreie Innenstadt?

Auch das Problem der hohen Wohnkosten muss weiter mit Vehemenz angegangen werden. Die Stadt darf beim Bau neuer Wohnungen nicht nachlassen, damit die stark gestiegenen Mieten und Immobilienpreise nicht zu einem dauerhaften Standortnachteil werden. Denn welche Fachkraft zieht schon in eine Stadt, in der sie sich von ihrem Lohn das Dach über dem Kopf kaum leisten kann?

2020 wird nicht nur ein ökonomisch spannendes Jahr. Auch politisch könnten die kommenden Monate turbulent werden. In wenigen Wochen steht die Bürgerschaftswahl an, deren Ausgang Hamburg stark verändern könnte. Wie bei keiner anderen Wahl zuvor rückt die Neujustierung zwischen ökologischen und ökonomischen Zielen ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Bekommt Hamburg eine autofreie Innenstadt? Wie massiv wird die Elektromobilität ausgebaut? Spielt Wasserstoff als alternativer Antrieb künftig eine größere Rolle? Wie grün wird der Hafen? Die Liste der Fragen ließe sich lange fortsetzen.

Auch wenn die Antworten von Partei zu Partei unterschiedlich ausfallen: Mit Blick auf den Klimawandel kann es zumindest keinen Dissens mehr darüber geben, dass bei jeder ökonomischen Maßnahme die ökologischen Konsequenzen detailliert bedacht werden müssen. Diese Notwendigkeit bietet Hamburg eine nicht zu unterschätzende Chance: Die Stadt kann bereits 2020 einen riesigen Schritt in Richtung grüne Zukunftsmetropole machen.