Meinung
Gastbeitrag

Ein Verfassungskonvent für Hamburg

HWWI-Direktor Henning Vöpel

HWWI-Direktor Henning Vöpel

Foto: Richel

Nicht nur der Hafen, die Gesellschaft steht vor einem grundlegenden ökonomischen Umbruch. Jetzt ist Zeit, über die künftige Rolle der Stadt zu beraten.

Seit über 800 Jahren prägt kein Ort unsere Stadt und ihr Selbstverständnis so stark wie der Hafen. Seit vielen Jahrhunderten ist er Wachstums- und Wohlstandsmotor. Der Hafen ist zugleich Symbol der Offenheit und Internationalität der Stadt, deren DNA die kaufmännische Fähigkeit ist, sich pragmatisch und dennoch wertebasiert an wechselnde Bedingungen der Globalisierung anzupassen.

Die Mütter und Väter unserer Verfassung haben dem Hafen schon im ersten Satz der Präambel eine zentrale Bedeutung beigemessen: „Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Welthafenstadt eine ihr durch Geschichte und Lage zugewiesene, besondere Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke zu erfüllen. (...). Durch Forderung und Lenkung befähigt sie ihre Wirtschaft zur Erfüllung dieser Aufgaben und zur Deckung des wirtschaftlichen Bedarfs aller.“

Die Hamburger Verfassung stellt also gleich zu Beginn das wirtschaftliche Handeln unserer Stadt in eine besondere Verantwortung. Sie nimmt uns dadurch auch in die Pflicht, stetig zu überprüfen: Ist unsere wirtschaftliche Substanz noch zukunftsfähig? Erkennen wir neue Entwicklungen und gestalten sie konsequent? Heute befinden wir uns mitten in einer Phase des grundlegenden ökonomischen Umbruchs. Wir stehen am Beginn dreier großer Verschiebungen: Die nächste Phase der Globalisierung wird stärker durch ökonomische Nationalismen gekennzeichnet sein. China wird weiter aufsteigen. Hamburg spürt bereits die Bedeutung der neuen Seidenstraße und den dadurch ausgelösten Wettbewerbsdruck. Die Digitalisierung wird viele Geschäftsmodelle des Wirtschaftsstandortes und insbesondere der Hafenwirtschaft bedrohen. Schließlich wird die Dekarbonisierung in das postfossile Zeitalter eine gewaltige Umstellung der industriellen Produktion erfordern.

Wenn wir also den Wohlstand dieser Stadt auch für die kommenden Generationen sichern und nicht zum billigen Umschlagplatz Chinas als Endpunkt ihrer Seidenstraße verkümmern wollen, dann müssen wir jetzt die Weichen für eine kluge Weiterentwicklung des Hafens stellen. Konkurrenzhäfen wie Rotterdam und Antwerpen laufen uns auch aufgrund günstigerer geografischer Bedingungen zunehmend den Rang ab. Die derzeitig betriebene Elbvertiefung wird die letzte sein. Vor allem aber wird die fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung die Zahl der im und durch den Hafen Beschäftigten in den kommenden Jahren weiter reduzieren. Mit Airbus gelang vor mehr als 15 Jahren die letzte große industrielle Ansiedlung.

Unsere Verfassung bildet diese wirtschaftliche Entwicklung nicht ab. Aber sie zeigt uns auf, wie wir damit umgehen sollen: mit Verantwortung für den gesamten Norden und die Nation. Wenn wir genau dieser Verantwortung gerecht werden wollen, müssen wir unsere wirtschaftliche Basis als Hafenstadt erneuern und erweitern. Hamburg ist heute das einzige ökonomische Kraftzentrum im Norden und Nordosten. Dagegen koppelt sich der Süden Deutschlands zunehmend wirtschaftlich ab, und das Nord-Süd-Gefälle nimmt stetig zu. Der Wohlstand ist alles andere als gesichert. Zukunft hat nur, wer sich neu erfindet.

Wie kann die Zukunft also aussehen? Zunächst einmal ist der Hafen inmitten der Stadt ein großer Schatz, weil er als riesige stadteigene Industriefläche ein außergewöhnlich attraktives Ansiedlungsfeld direkt am Wasser bietet. Und der für die Prosperität der Stadt so wichtigen Hafenwirtschaft gelingt es zunehmend, die wertvollen Flächen deutlich effizienter als früher zu bewirtschaften. Dadurch wird weniger tatsächliche Hafenfläche benötigt. Wichtig ist, dass Hafenunternehmen Anreize erhalten, Flächen freizugeben, die sie nicht mehr brauchen. Dann entsteht neben einer starken Hafenwirtschaft der Platz für neue wirtschaftliche Ideen. Diesen Vorteil sollte Hamburg nutzen. Wie? Die Auszeichnung der Universität Hamburg als Exzellenzuniversität sollten wir als Anlass und Ansporn verstehen, konsequent in die Köpfe der Menschen zu investieren und unsere Stadt zu einem Boston an der Elbe zu entwickeln.

Es ist Zeit, dass alle, die in dieser Stadt Verantwortung tragen und tragen wollen, zusammenkommen und über die Rolle, die Hamburg künftig für die Me­tropolregion und Deutschland in der Welt spielen soll, beraten. Es geht nicht um kurzfristige parteipolitische Wahlkampfinteressen, sondern fernab davon um strategische Entwicklungslinien zu den Vorstellungen von der Zukunft Hamburgs. Dazu brauchen wir ein geeignetes Forum, das die gesamte Stadtgesellschaft einbindet. Eine Stadt besteht immer aus Tausenden von Einzelinteressen, aber sie verbindet auch eine gemeinsame Idee davon, was sie sein möchte und welches ihre Rolle und Verantwortung sein kann. Wir brauchen einen Verfassungskonvent.