Meinung
Leitartikel

Was das Auto mit der Wahl zu tun hat

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts

Foto: Mark Sandten / HA

Nichts bewegt die Menschen in Hamburg so wie das Thema Verkehr. Daran entscheidet sich, wo sie ihr Kreuz machen.

Am Ende der Großen Johannisstraße, an dem Punkt, an dem sie im Herzen der Hamburger Innenstadt in die Mönckebergstraße übergeht, verbietet – eigentlich unübersehbar – ein Verkehrsschild die Weiterfahrt. Eigentlich, denn in Wirklichkeit wird dieses Schild ignoriert wie vermutlich kein zweites.

Freitag, 13 Uhr. Immer mal wieder folgen Autofahrer den Bussen oder Taxis in die für sie gesperrte Einkaufsstraße. Kaum ein Verbot wird so konsequent übersehen wie dieses. Hier paart sich Dreistigkeit mit fehlender Konzentration. Ortsfremde Autofahrer scheinen Bussen ohne nachzudenken hinterherzufahren, während Fahrer mit Hamburger Nummer die Mönckebergstraße als willkommene Abkürzung nutzen.

Schon mehrfach ist dieses Verhalten auch hier beschrieben worden – ändern dürfte sich der Zustand vermutlich nur mit einer radikalen Lösung: wenn die Mönckebergstraße endlich komplett gesperrt würde. Für jedermann, egal ob Bus, Taxi oder Auto.

Belastung der Innenstadt ist zu groß

Wenn unübersehbar ist, am besten durch bauliche Veränderungen, dass Autos hier nicht erwünscht sind, wird auch die Aufenthaltsqualität an dieser zentralen Straße steigen. Können Passanten die Straße entlangschlendern oder queren, ohne dass ein Wagen dem anderen folgt, wird die City deutlich attraktiver – und konkurrenzfähiger gegenüber dem überdimensionierten Überseequartier, das in der HafenCity entsteht.

Aber es geht nicht allein um die Mönckebergstraße. Es geht um weitere Teile der Innenstadt. Wann waren Sie beispielsweise das letzte Mal am Neuen Wall und sind dort mit Spaß entlanggebummelt, statt entlangzuhetzen? So sprechen sich 61 Prozent der Hamburger in einer exklusiven Abendblatt-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für eine autofreie Innenstadt aus. Am größten ist die Zustimmung unter den Jüngeren (18- bis 29-Jährige). Aber auch in der Gruppe der älter als 60-Jährigen sind sechs von zehn Befragten dafür, Autos aus der Innenstadt zu verbannen.

Ob künftig in Teilen autofrei oder eher autoarm – es gibt einen Handlungsdruck. Aktuell ist die Belastung der Innenstadt durch den Verkehr groß. Die nächste Rathausregierung und der für die Innenstadt zuständige Bezirk Mitte müssen eine Lösung finden, die nach der Quadratur des Kreises klingt: alte oder gehbehinderte Menschen nicht auszuschließen, die Bedürfnisse von Anwohnern, Handwerkern und Lieferanten zu berücksichtigen, die Geschäftsinhaber und ihre Kunden zufriedenzustellen und die Erreichbarkeit der City durch Busse sicherzustellen. Wie man das Problem nicht löst, macht übrigens gerade der Bezirk Altona vor, wo nach einer Sperrung von Teilen Ottensens für Autofahrer die Konflikte offen ausgebrochen sind.

Verkehrsthema für Bürgerschaftswahl entscheidend

„Was sind die größten Probleme in Hamburg?“, haben wir in der Erhebung gefragt. Weder der Wohnungsmangel noch die Bildungspolitik, weder die Umweltprobleme noch die Kriminalität kommen auch nur ansatzweise auf die Zahl der Nennungen des Problems Nummer eins: Verkehr. Dieses Thema wird die große Herausforderung für den künftigen Senat. Staus, in denen auch die überfüllten Busse feststecken, S-Bahnen, die ständig ausfallen, Baustellen, die kaum koordiniert erscheinen, Radwege, die als unsicher kritisiert werden – die Hamburger sind es leid. Wer hätte noch vor ein paar Monaten solche Umfrage-Ergebnisse erwartet? Sie zeigen, wie sich die Prioritäten verschoben haben.

Die City autofrei oder autoarm? Der Hamburg-Takt bei Bus und Bahn oder das 1-Euro-Ticket? Die Straßenbahn oder Expressbusse? Auch darüber entscheiden die Hamburger bei der Wahl in sechs Wochen. Es wird spannend.