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Sportplatz

Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift

Iris Mydlach ist Redakteurin in der Sportredaktion.

Iris Mydlach ist Redakteurin in der Sportredaktion.

Foto: Mark Sandten

Nicht immer sehen Kameras besser als menschliche Augen. Die Hoffnung auf eindeutige Videobilder ist häufig trügerisch.

Es war im Jahr 1863, dass der Fußball zum ersten Mal ein verbindliches Regelwerk erhielt. Dutzende Änderungen hat es seither daran gegeben, vor allem was die Abseitsregel betrifft. Sie sollte von Anfang an verhindern, dass sich ein angreifender Feldspieler in der Nähe des gegnerischen Tors aufhalten kann, um dort auf den Pass eines Mitspielers zu warten.

Weil Rugby und Fußball lange Jahre ein und dasselbe Spiel waren, waren nach der Spaltung beider Sportarten auch im Fußball zunächst nur Pässe nach hinten erlaubt – das Spiel kam dadurch allerdings nicht wirklich in Gang. Änderungen an der Abseitsregel haben deshalb im Fußball Tradition. 1990 beschloss das International Football Association Board (Ifab), dass Spieler auf gleicher Höhe mit ihren Kontrahenten nicht mehr im Abseits stehen. Es war der Stein des Anstoßes, der Auslöser unzähliger Diskussionen und Schmähungen. War es Abseits – oder nicht? Gleiche Höhe – oder nicht? Zählt das Tor – oder war es irregulär? Weshalb die Erwartungen an eine weitere Regeländerung im Fußball wahrscheinlich nie höher waren als 2017, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in der Bundesliga den Videobeweis einführte und zwei Jahre später die englische Premiere League folgte.

Abseitsentscheidungen im Millimeterbereich

Hier, in der teuersten Liga der Welt, kam es zwischen den Jahren zu so vehementen Protesten von Vereinen und Fans, dass das Ifab kurzerhand reagierte – und den Spielraum der Videoschiedsrichter in Abseitsfragen massiv beschnitt. Das Fass war übergelaufen, als an nur einem Wochenende fünf zuvor gegebene Tore aufgrund von Millimeterentscheidungen wieder aberkannt wurden – nach minutenlangen Unterbrechungen des Spiels. Künftig dürfe die Technik nur noch in Fällen „klarer und offensichtlicher Fehler“ eine Entscheidung des Feldschiedsrichters korrigieren, sagte Ifab-Generalsekretär Lukas Brud. Und ergänzte: „Wenn man mehrere Minuten braucht, um herauszufinden, ob es Abseits war oder nicht, dann ist das Ganze nicht eindeutig und offensichtlich – dann sollte die ursprüngliche Entscheidung Bestand
haben.“

Es ist eine Ansage zur richtigen Zeit. Auch in der Bundesliga hatten Fans zuletzt frustriert reagiert – anstatt minutenlanger Spielunterbrechungen wünschte man sich die alte Regelung zurück. Schließlich waren die Entscheidungen schon da umstritten. Nur ging das Spiel wenigstens kurz danach weiter. „Die Dinge haben sich in eine völlig verkehrte Richtung entwickelt“, sagte auch St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann zu Beginn der Winterspielpause. „Es geht um Abseitsentscheidungen im Millimeterbereich, noch dazu mit einer Technologie, die nicht über jeden Zweifel erhaben ist.“

Algorhythmus verzerrt möglicherweise die Realität

Es waren ehrliche Worte im Hinblick auf die große Hoffnung, die mit der Einführung der neuen Technik verbunden war. Dass die Kameras besser sehen als das menschliche Auge – und den Schiedsrichtern eine Entscheidung abnehmen, die zu den schwierigsten im Fußball gehört.

Nun bleibt die Einsicht, die fast typisch ist für den Geist dieser Zeit: dass der Glaube, moderne Technologien könnten bessere, weil genauere Entscheidungen treffen als das menschliche Auge, ein trügerischer ist. Denn in der Frage, ob ein Spieler bei der Abgabe des Balls im Abseits steht, ist kein Algorithmus dieser Welt allwissend. Was zum einen damit zusammenhängt, dass es sich um eine fließende Bewegung handelt, die zum Zweck der Analyse in einzelne Szenen zerhackt werden muss. Aber welche ist wirklich entscheidend? Wenn der Fuß des Spielers den Ball berührt oder wenn der Ball ihn wieder verlässt? Oder die Szene genau in der Mitte? Und was passiert, wenn der ballführende Spieler im Moment der Ballabgabe durch einen anderen Körper verdeckt wird?

Dann rechnet und rendert ein Algorithmus im System – und verzerrt dabei möglicherweise die Realität. Anders als in der Frage, ob ein Ball eine Hand berührt oder vollumfänglich hinter die Torlinie geflogen ist, bleibt bei der Abseitsregel ein Moment der Unsicherheit, des Ermessens.

Die Fußballverbände täten gut daran, dieses Ermessen zurück in die Hände der Menschen zu geben.