Meinung
Zwischenruf

Zu viel Tier ist auch nicht schön

Matthias Schmoock ist Redakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Schmoock ist Redakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Klaus Bodig / HA

Da will man einmal der Tierwelt etwas Gutes tun und kocht vegetarisch – und bekommt eine im Wortsinn tierische Überraschung serviert.

Finden Sie nicht auch: Vegetarisches Essen schafft immer so eine besondere Verbundenheit mit der Tierwelt.

Zum einen fühlt man sich selbst wie ein Pflanzenfresser (sorry: -esser), zum anderen sinkt ja durch den Verzehr von Salat und Co die Nachfrage nach Fleisch, und man trägt zur Rettung von, sagen wir mal, 100 Gramm Tier pro Mahlzeit bei. Ist doch logisch, oder?

Tierische Überraschung im Linsengericht

Neulich kochten wir deshalb zu Hause mal steinharte Linsen aus einem Ökoladen auf, was zwar keine kulinarische Köstlichkeit, aber doch ein gutes, nahrhaftes Essen erbrachte. Ungefähr bei der Hälfte biss ich auf ein kleines, hartes Stück, was meinen Forschergeist weckte. Bei Tageslicht betrachtet sah es nur entfernt wie eine Linse aus, eher wie ein großes hartes Weizenkorn. In einem zweiten Schritt wurde das Objekt abgespült und dann mit der Lupe betrachtet. Es erwies sich – und sensible Geister mögen hier bitte nicht mehr weiterlesen – ganz eindeutig als kleiner Nagetierzahn inklusive Mini-Wurzelkanal.

Ich gestehe hier jetzt zwei Dinge. Erstens: Die eingangs geschilderte geistige Verbundenheit mit Tieren erhielt an jenem Tag einen empfindlichen Knacks. Im Klartext: Ich fand das Ganze ekelhaft, und war für ein paar Stunden überhaupt nicht mehr tierlieb. Für mein Seelenheil schrieb ich den Zahn einem „Mäuslein“ zu, was ich heute immer noch tue. Er könnte auch zu einem etwas größeren Tier gehört haben – aber lassen wir das hier lieber. Über den Verbleib des restlichen Nagers möchte ich auch gar nicht weiter nachdenken – fragen Sie mich das bitte auch künftig bloß nicht.

Vielleicht sättigten die Linsen eine Maus

Zweitens: Selbst angesichts der Tatsache, dass Millionen Menschen auf der Welt Hunger leiden, konnte ich den Rest der Mahlzeit nicht aufessen – abgekocht oder nicht. Ich bitte da höflich um Nachsicht.

Um wenigstens etwas Gutes zu tun, kippte ich den Linsenbrei auf den Kompost. Ich bin überzeugt: Irgendein Tier hat sich daran bestimmt satt gefuttert. Vielleicht war es ja eine putzige Maus, die schon längere Zeit eine Angehörige vermisste und nun getröstet wurde.