Meinung
Gastbeitrag

Wo war sein Gewissen, als er Tausende sterben sah?

Autor Elmar Schnitzer

Autor Elmar Schnitzer

Foto: Christoph Schwabe

Donnerstag startet in Hamburg der Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wächter. Warum der Prozess gegen den SS-Mann heute wichtig ist.

Ich war zehn Jahre alt, Hitlers Terrorregime 14 Jahre Geschichte, als eine ältere Dame meine Mutter besuchte. In ihrem rechten Unterarm erkannte ich eingestochene Zahlen. „Frau Jüngling ist Jüdin“, erklärte mir meine Mutter später, um nach wenigen hilflosen Sätzen den Versuch abzubrechen, mir vom Holocaust zu berichten. Wie sollte ein Kinderhirn verstehen, woran die Welt versagt. Noch zu meiner Schulzeit wurde totgeschwiegen, was bis heute jede moralische Dimension sprengt. Der Wille, zu verdrängen und zu vergessen, obsiegte darüber, die Schuldfrage zu stellen: Wer was warum getan hat. Stattdessen inszenierten sich Täter und Mitläufer als Opfer und entzogen sich so der Auseinandersetzung um den Genozid.

Mit 12 erzählte mir Mutter von ihren Erlebnissen, bei denen Nazis zu des Menschen Wolf geworden waren. Wie zwei Ledermäntel sie wegen „judenfreundlicher Haltung“ mit dem KZ Dachau bedrohten. Wie SA und SS Andersdenkende öffentlich schikanierten. Wie der jüdische Friedhof geschliffen wurde. Wie ein kritischer Zeitungsverleger in ein Lager verschleppt werden sollte. Wie die SS am Bahnhof 28 Häftlinge eines KZ-Todesmarsches niedermähte, weil sie um Brot gebettelt hatten. Als ich jetzt im Abendblatt las, dass sich vom 17. Oktober an einer der letzten dieser Wölfe vor dem Landgericht wegen Beihilfe zum Mord in 5320 Fällen verantworten muss, ein KZ-Aufseher in Stutthof, 92 Jahre alt, war mein erster Gedanke: Danke, Rechtsstaat! Jedoch: Bruno D. gibt sich als Mann ohne Wissen um Gut und Böse, ohne ein Ich, das Verantwortung übernimmt. Da wusste ich, dass es nur eine Antwort gab und gibt auf das Warum: den Kniefall von Willy Brandt am 7. Dezember 1970.

B. war alleiniger Herr über Leben und Tod

D. war 17 und SS-Schütze, als er im August 1944 die 18 Stufen zum Wachtturm des KZ Stutthof bei Danzig hinauf- und 18, als er sie im April 1945 letztmalig wieder hinabstieg. Dort oben war er alleiniger Herr über Leben und Tod. Ein halbes Kind noch und doch einer von 250.000 Deutschen, die am Holocaust mitgewirkt haben. Allein in Stutthof wurden 65.000 Menschen ermordet, die meisten von ihnen Juden. Der erste Kommandant, Max Pauly, wurde 1942 ins KZ Neuengamme versetzt und 1946 von den Briten gehängt.

Fast 75 Jahre lebte Bruno D. mit seinem Wissen. Seine Augen haben den Tod in schlimmsten Formen gesehen, seine Ohren die Schreie Gefolterter und Erstickender aus der Gaskammer gehört. Was hat er gedacht, was hat er gefühlt im Angesicht der Hitler-Wirklichkeit? Wo war sein Gewissen, „der Rettungsring eines jeden Menschen vor dem Versinken“ (Hannah Arendt)? Dass Juden ermordet wurden, nur weil sie Juden waren, ja, das habe er gewusst. Die Opfer hätten ihm auch „leidgetan“. Der Massenmord an Juden aber, das seien nur Hitler oder seine Partei gewesen, „die irgendetwas gegen Juden hatten und die diesen Volksstamm ausrotten wollten.“

Normale Menschen handelten ohne jedes Motiv

Eine Mitschuld seinerseits könne er nicht erkennen. Nicht er war die Hölle, die anderen waren es … Gedankengut, das uns aufrütteln sollte in einer Zeit zunehmender rechtsextremistischer Bedrohung, rassistischen Denkens und radikaler Dummheit, in der
– die braune Brut mordet, bombt, brennt, prügelt und droht;
– eine Partei unter der Maske der Bürgerlichkeit unsere Demokratie völkisch zu zersetzen versucht;
– 20 Prozent der Deutschen latente und 25 Prozent sekundäre antisemitische Einstellungen hegen;
– Hasskommentare gegen Juden und Israel im Internet zur Akzeptanz und Normalisierung von Judenfeindlichkeit beitragen;
– 70 Prozent der Juden in Deutschland Anfeindungen erleben und 80 Prozent sich bedroht fühlen.
Das Unverständnis darüber geht einher mit der Frage: Wie konnte ein so erschreckend normaler Mensch wie Bruno D. acht Monate ungerührt Untaten zusehen, ohne dass seine Seele aufschrie? Die Philosophin Hannah Arendt prägte im Zusammenhang mit NS-Tätern wie Bruno D. den Begriff von der „Banalität des Bösen“. Nicht bösartige, gefühlskalte Monster hätten die NS-Verbrechen begangen, sondern Menschen wie du und ich. Ohne jegliches Motiv, ohne Überzeugungen, ohne bösen Charakter oder dämonischen Willen. Menschen, die sich weigerten, Individuen zu sein. Totalitarismus und NS-Ideologie ermöglichten ihnen ihr Tun, in dem sie ihr Gewissen entlasteten.

Vom Nationalsozialismus habe er sich ferngehalten, sagt Bruno D. einmal. Dass der Holocaust ohne willfährige Werkzeuge wie ihn niemals möglich gewesen wäre – das hat nie Raum in seinem Denken gefunden. Nach Ansicht Arendts bestand die Verführungskraft der Nazis aber auch in ihrem zukunftssicheren Gestus und ihrer Ausbeutung des menschlichen Verlangens nach Sicherheit und Sinn. Hier schließt sich der Kreis: Im gleichen Geist agieren die Neo-nazis unserer Tage, stigmatisieren, hetzen, hassen und kriechen damit nicht nur in die Köpfe verblendeter Anhängern, sondern auch in die vieler von der Demokratie enttäuschten Menschen.