Meinung
Glosse

Darauf erst mal ein Weihwasser!

Der Autor ist Chefreporter beim Abendblatt.

Der Autor ist Chefreporter beim Abendblatt.

Foto: Michael Zapf

Ein Priester versprüht den heiligen Nebel aus einem Flugzeug, um Großstadtbewohner vom Alkohol zu befreien. Nieselt es bei Ihnen schon?

Sollte uns demnächst mal wieder das Schmuddelwetter heimsuchen, muss es sich beim Niesel nicht zwingend um ein übles Nass handeln. Vielleicht sind himmlische Mächte am Werke.

Kommt tatsächlich Gutes von oben? So, wie es ein russischer Priester in der vergangenen Woche praktizierte. Über der Stadt Twer, nordwestlich von Moskau, entlud der tatendurstige Kirchenmann einen Goldkelch mit Weihwasser. Keinesfalls ein paar Tropfen, sondern 70 Liter ergossen sich – letztlich verteilt als Sprühnebel – über den gut 400.000 Einwohnern. In einem Kleinflugzeug kam der orthodoxe Geistliche seinem Auftraggeber näher. In 300 Metern Höhe schritt er zur Tat. Gemerkt haben es die da unten gewiss nicht. Jedoch gespürt?

Am "Tag der Nüchternheit" regnete es Weihwasser

Denn am „Tag der Nüchternheit“ wollte der Priester auf Enthaltsamkeit verweisen und vor dem Teufel Alkohol warnen. Seit 2006 verfährt er so. Doch muss es nicht immer hochprozentige Gründe für Handlungen geben, die mit normalem Verstand nicht zu erklären sind. Es gibt viel mehr, von dem wir Menschenskinder keine Ahnung haben.

Schamanen sollen ihr wundersames Tun Ende des 17. Jahrhunderts in Sibirien begonnen haben. Im Wilden Westen sind Medizinmännern angeblich Kunststücke geglückt. In Hamburg hatten einst Spökenkieker Hochkonjunktur. Kaffeesatzleser gehen ihrer Hellseherei noch heutzutage nach. Auf der Galopprennbahn in Horn vergruben abergläubige Zocker Glücksmünzen. Und unter dem Rasen des Millerntor-Stadions sollen Krötenknochen verbuddelt sein. Soll dem FC St. Pauli wie jetzt beim Derby Siege bringen. Gegen das Zechen auf den Rängen wurde ein anderes Mittel erdacht: Im Spiel gegen den HSV wurde ausschließlich alkoholfrei ausgeschenkt.