Meinung
Leitartikel

Hamburg allein im Auto – helfen Verbote?

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Wir brauchen eine klare Strategie, um die Verkehrsprobleme in den Griff zu bekommen.

Wenn ich als Fußgänger mal länger an einer roten Ampel stehe, vertreibe ich mir die Zeit damit, Autos zu zählen, in denen mehr als eine Person sitzt. Das klingt jetzt nicht besonders spannend, ist es aber, weil es 50, 60 Autos dauern kann, bis ich tatsächlich einen Treffer habe. Wobei zwei Leute in einem Auto schon gut sind, an drei oder mehr kann ich mich in diesem Jahr gar nicht erinnern. Mein Sohn hat mich in diesem Zusammenhang mal Folgendes gefragt: „Papa, warum fahren die meisten Menschen in Hamburg allein Auto?“

Ja, warum eigentlich? Und warum erzähle ich diese Geschichte an dieser Stelle? Nun, weil manche der großen Probleme, über die wir uns angesichts der Verkehrssituation in Hamburg und angesichts des Klimawandels in diesen Tagen Gedanken machen, einfach zu lösen wären. Vier Menschen in einem Auto hieße, grob überschlagen, drei Autos weniger auf den Straßen. Würde hochgerechnet 75 Prozent weniger Verkehr bedeuten.

Wie gesagt: Klingt ganz einfach.

Ist es aber leider nicht, sonst würden sich nicht jeden Tag unzählige Menschen allein morgens Richtung Hamburg quälen und abends wieder hinaus. Alle sind sich einig, dass das auf Dauer so nicht weitergehen kann, alle sind genervt von Staus, Baustellen, Lärm, schlechter Luft, das ganze Programm. Nur, was tun, wenn eine sehr nahe liegende Lösung – nicht allein mit dem Auto in die Stadt zu fahren – nicht funktioniert? Genau das verbieten? Also nur Autos nach Hamburg lassen, in denen zwei, drei oder mehr Personen sitzen? Soll heißen: die Leute zu zwingen, das zu tun, was für die Umwelt, für viele andere und am Ende auch für sie selbst am besten wäre? Es gibt Beispiele, bei denen das hervorragend funktioniert hat. Die Gurtpflicht im Auto gehört dazu, das Rauchverbot in der Öffentlichkeit. Beides war hochumstritten, über beides wurde jahrelang diskutiert. Und beides ist heute selbstverständlich, niemand käme auf die Idee, weder das eine noch das andere infrage zu stellen.

Und deshalb könnte es tatsächlich sinnvoll sein, den Autoverkehr in einer großen Stadt wie Hamburg gesetzlich zu reglementieren, etwa mit einer Zwei-oder-mehr-Personen-Regel. Aber bevor man das tut, müssen sich alle Beteiligten klar werden darüber, was sie eigentlich mit so einem oder ähnlichen Verbot erreichen wollen. Bevor wir uns für „radikale Maßnahmen“ entscheiden, wie sie die Chefs von großen Verkehrsunternehmen heute im Hamburger Abendblatt fordern, müssen wir ein Zielbild für den Verkehr in der Stadt entwerfen: Wie soll der in fünf, vielleicht zehn Jahren aussehen? Was wollen wir, was wollen wir nicht? Soll die Innenstadt für Autos weitgehend gesperrt werden? Soll es zentrale Sammelplätze für Autos geben, von denen es dann schnell mit Bahnen weitergeht? Soll das Pendeln über den ÖPNV so bequem und günstig werden, dass das Auto dagegen wie eine sperrige Alternative wirkt?

Wir müssen uns einig werden, wie Hamburgs Verkehr im Jahr 2025 und 2030 aussehen soll. Und dann wirklich radikal die dafür notwendigen Maßnahmen angehen. Aktuell wirkt die Stadt in Teilen wie ein Versuchsgelände für alles, was im Verkehr der Zukunft sinnvoll sein könnte. Das ist für einen überschaubaren Zeitraum ganz interessant, muss aber möglichst schnell koordiniert und einer Strategie untergeordnet werden. Und wenn ich von einer Strategie für den Hamburger Verkehr spreche, dann meine ich nicht nur die zum Experimentfeld verkommenen, innenstadtnahen Bereiche, in denen man selbst kaum mehr weiß, wie man sich fortbewegen soll. Hamburg wird seine Verkehrsprobleme nur dann lösen, wenn es spätestens an seinen Grenzen damit anfängt.