Meinung
Leitartikel

Schwer erträgliche Stimmungsmache gegen das Auto

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible / HA

Nach dem tragischen Unfall in Berlin, bei dem ein SUV-Fahrer vier Menschen tötete, verroht die Diskussion zusehends.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie hierzulande der Diskurs verroht, in welcher Weise Diskussionen emotionalisiert und Debatten zugespitzt werden, hat ihn das Drama von Berlin-Mitte erbracht. Dort hatte am Freitagabend der Fahrer eines Porsche-Geländewagens die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und vier Menschen getötet. Die Unfallstelle war noch nicht einmal geräumt, da rückte die Anteilnahme in den Hintergrund und die Vorteilssuche in den Vordergrund. Bislang kannte man eine solche Instrumentalisierung nur von rechtsradikalen Kreisen.

Als im April des vergangenen Jahres in Münster ein Verrückter seinen Wagen in eine Menschenmenge gesteuert hatte, twitterte die AfD-Spitzenpolitikerin Beatrix von Storch schon 19 Minuten nach der ersten Meldung zynisch: „Wir schaffen das.“ Sie wollte die Tat nutzen, um die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu kritisieren. Was nicht nur geschmacklos, sondern völlig unpassend war: Denn der Täter des Anschlags war ein lebensmüder Deutscher.

Seltsame Beiträge der Deutschen Umwelthilfe

Vier Stunden nach dem schlimmen Unfall in Berlin-Mitte war es nun die Deutsche Umwelthilfe, die bei Twitter demonstrierte, dass Finger auf der Tastatur offenbar schneller arbeiten als der Verstand: „SUVs haben in unseren Städten nichts zu suchen! 4 Tote, darunter ein Kleinkind, sind die Bilanz eines schrecklichen Raser-Unfalls mit einem Porsche-SUV in Berlin“, schrieb die umstrittene Organisation. Ein Dreiklang des Schreckens: Tote. Porsche. SUV. Und dann legte die Umwelthilfe noch nach: „Und wenn es nach den Autokonzernen geht, soll mehr als jeder zweite Neuwagen ein SUV werden.“ Ist das nur geschmacklos? Oder doch schon Hetze?

In einem zivilisierten Land sollte es sich eigentlich verbieten, mit Toten Politik zu machen und Unglücke für die eigene Selbstdarstellung zu missbrauchen. Doch die seltsamen Beiträge der Deutschen Umwelthilfe stehen nicht allein, auch Politiker der Grünen kritisierten sofort die „panzerartigen Autos“.

Jedes Maß und jede Mitte verloren

Das zeigt die Diskursverrohung: Als vor achteinhalb Jahren ein 38-Jähriger am Eppendorfer Baum vier Menschen in den Tod riss, wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, den Unfall zur Profilierung zu nutzen. Damals war es kein SUV, sondern ein Fiat Punto, der zu einem mörderischen Geschoss wurde. Und die Unglücksursache war ein epileptischer Anfall, wie vielleicht auch jetzt in Berlin.

In der derzeitigen Debatte um den Klimawandel und die Rolle des Autos haben leider viele jedes Maß und jede Mitte verloren – es reagieren die Radikalen mit der ihr eigenen Maßlosigkeit. Vor der Automesse IAA wurden Anschläge auf Autohäuser verübt, regelmäßig brennen Fahrzeuge in Berlin. Branchenvertreter kritisieren nun, dass ihre Mitarbeiter an den Pranger gestellt und unter Druck gesetzt werden. Das Auto ist zum Feindbild geworden. Natürlich gibt es zu Recht Kritik an der Branche, die sich durch die Diesel-Lüge selbst diskreditiert hat und viel zu wenig auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit gesetzt hat.

Jeder Tote ist ein Toter zuviel

Zugleich aber gerät völlig aus dem Blick, dass das Auto beileibe nicht der einzige, ja nicht einmal der Hauptschuldige ist. Der Verkehr ist für 18,2 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich – und da sind die Schiffe, Flugzeuge und Lkw schon mit drin. Und in puncto Sicherheit sollte man trotz berechtigter Wut nicht die Fakten vergessen: Im vergangenen Jahr starben auf Deutschlands Straßen 3265 Menschen, ein Sechstel der Zahl von 1970.

Jeder Tote ist ein Toter zu viel; die Autos müssen umweltfreundlicher werden. Darauf sollte sich jeder einigen können. Zuspitzungen und Emotionalisierungen aber untergraben diesen Konsens – und am Ende den inneren Frieden.