Meinung
In eigener Sache

„Der beste Stadtteil? Wie kommen Sie zu dieser Wertung?“

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts

Foto: Mark Sandten / HA

Vor einer Woche ist unsere neue Serie gestartet. Neben positiven Zuschriften und Anregungen gibt es auch deutliche Kritik der Leser.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,

Immer montags beschäftigen wir uns an dieser Stelle mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik. Wir wollen über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und Einblicke in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie Anregungen haben, her damit, eine E-Mail reicht. Die Adresse:
chefredaktion@abendblatt.de


Heute geht es um unsere neue Stadtteilserie, die vor einer Woche gestartet ist. Unter dem Motto „Hamburgs beste Stadtteile“ stellen wir Ihnen bis Ende Oktober täglich einen Stadtteil vor. Neben positiven Zuschriften, neben Anmerkungen, Anregungen und Ergänzungen zu den ersten Stadtteilporträts, gibt es aber auch Kritik unserer Leser. So schreibt Margarethe Dembeck: „Mich erzürnt Ihre neue Serie stark! Man kann es wohl nicht als schwierig bezeichnen, dem Stadtteil Othmarschen einen der ersten Plätze in Ihrem Ranking zu geben. Die Nähe zur Elbe, schönste Villen mit viel Grün und unzählige wunderschöne Parks ergeben ein Wohngebiet, das seinesgleichen sucht ...“ Ähnlich argumentiert Gabriela Möller. Sie schreibt: „Unmöglich, den besten Stadtteil zu benennen! Jeder Stadtteil hat unterschiedliche Menschen, Möglichkeiten, Voraussetzungen. Ich lebe seit fast 62 Jahren im wunderschönen, grünen Rahlstedt und fühle mich sehr wohl hier.“ Auch Leser Frank Razum kritisiert das Abendblatt: „Ihre neue Serie über die 50 besten von insgesamt 104 Stadtteilen Hamburgs erstaunt und erzürnt mich gleichermaßen. Was berichten Sie denn anschließend über die 54 anderen (schlechtesten) Stadtteile Hamburgs? Warum diskriminieren Sie mit solcher Berichterstattung die Menschen, die in diesen Stadtteilen wohnen, arbeiten und Verantwortung tragen und sich möglicherweise ein Leben in einem der 50 besten Stadtteile nicht leisten können ...?“

Die Frage lautet: Kann und darf man überhaupt „Hamburgs besten Stadtteil“ vorstellen? Woran macht der Reporter sein Votum fest? Ist eine solche Serie unfair allen anderen Stadtteilen gegenüber? Diese – und etliche andere Fragen – haben wir in der Redaktion lange diskutiert, bevor wir uns zu dieser Serie entschlossen haben.

Unserer Leserin Margarethe Dembeck haben wir geschrieben: Es gibt keine objektiven Kriterien. Es gibt einzig ein Gefühl, einen subjektiven Eindruck. Und deshalb haben 50 Reporter des Abendblatts auch etwas gemacht, was sie sonst nie tun: Sie haben einen bewusst subjektiven Text über den Stadtteil geschrieben, den sie lieben, in dem sie leben, in dem sie vielleicht auch gern leben würden, es aber nicht können. Herausgekommen sind engagierte Plädoyers für einen bestimmten Stadtteil. Was uns dabei ganz wichtig ist: Es sind KEINE Plädoyers GEGEN einen anderen Stadtteil, sondern nur FÜR diesen einen. Unterfüttert haben wir die 50 Texte – man kann sie auch Liebeserklärungen nennen – mit statistischen Daten zum jeweiligen Stadtteil.

Wichtig ist auch zu erklären, dass die Abfolge der Veröffentlichungen KEIN Ranking beinhaltet. Folge 1 (Othmarschen) ist Folge 1, aber nicht Platz 1. Alle 50 Stadtteile, die wir vorstellen, sind, wenn Sie so wollen, auf Platz 1. Dass wir mit Othmarschen, also mit einem der begehrtesten und auch teuersten Stadtteile, gestartet sind, hat keine Bedeutung. Es hätte ebenso Rissen sein können. Oder St. Pauli. Oder Eimsbüttel. Oder …

Wir haben uns der Übersichtlichkeit wegen entschieden, die Bezirke nach und nach „abzuarbeiten“, was dazu führt, dass jetzt zu Beginn – wir starteten im Westen mit dem Bezirk Altona – etliche Stadtteile in Elbnähe vorkommen. Aber wir versprechen Ihnen: Stadtteile in den Walddörfern, im Hamburger Nordwesten, südlich der Elbe oder in der City kommen auch an die Reihe.

Angreifbar machen wir uns durchaus mit unserer Serie. Und wir verstehen auch, wenn Leserinnen und Leser enttäuscht sind, sollte ihr Stadtteil in der – wie schon bemerkt – sehr subjektiven Auswahl nicht dabei sein. Und genau deshalb bitten wir unsere Leserinnen und Leser offensiv um ihre Einschätzungen, Tipps und Texte. Das ist keine Floskel, sondern wir wollen diese Texte lesen – und veröffentlichen! Denn natürlich kennen wir nicht alle Viertel gleich gut, aber wir möchten einer Stadt wie Hamburg in ihrer Vielfalt gerecht werden. Deshalb haben neben den Reportern auch die Leserinnen und Leser das Wort. Unsere Serie will alle Hamburger mitnehmen auf eine kenntnisreiche und unterhaltsame Reise durch die Stadt.

Angetan von der Serie sind unter anderem Heidi und Hans-Hinrich Jürjens aus Duvenstedt, die uns gleich mit weiteren Informationen zu ihrem Stadtteil versorgt haben, mit Tipps, Anregungen, Büchern, Broschüren, Fotos und Texten. Vielen Dank dafür, liebe Familie Jürjens!