Meinung
Leitartikel

Musikstadt Hamburg – mutig bleiben!

[..HA Redakteure.]

[..HA Redakteure.]

Foto: Michael Rauhe

Hamburg. Gefühlt sei es „erst wenige Monate her“, dass die Elbphilharmonie eröffnet wurde, schreibt Intendant Christoph Lieben-Seutter im Programmbuch zur nun startenden Saison 2019/20 – und tatsächlich hatten die vergangenen gut zweieinhalb Jahre etwas Rauschhaftes, waren in gewisser Weise unwirklich.

Dieses plötzlich riesengroße Interesse an klassischer Musik (manchmal vielleicht auch eher an der Architektur), dieser kaum beherrschbare Ansturm auf Konzertkarten. Schlangestehen für Beethoven und Bach, für Schubert und Skrjabin: Wann hatte es das je (in Hamburg) gegeben? Selbst Nischenprogramme mit indischen Sarodspielern oder Elektronik-Experimenten aus Großbritannien – alle ausverkauft.

Elbphilharmonie – wann lässt die Euphorie nach?

Lieben-Seutter trat bereits früh ein wenig auf die Euphoriebremse. Der Tag werde kommen, wohl 2019 schon, da die Nachfrage nachlasse. Und so ist es jetzt auch. Weltklasse-Orchester und Topstars sind weiterhin ein Renner, Abos für die zahlreichen Konzertreihen kaum zu bekommen, aber es tun sich erste Lücken auf.

Wer einfach nur mal in den Großen Saal möchte, findet bis Jahresende etwa 50 Termine. Das ist einerseits gut für alle, die bisher bei der Kartenjagd erfolglos waren – und andererseits für die Elbphilharmonie überhaupt kein Grund, die Programmplanung zu verändern. Nach wie vor kommt es schlicht auf musikalische Qualität an, dazu auf ein ausgewogenes Verhältnis von eher speziellen und eher massentauglichen Programmen.

Erwartbar viel Beethoven in der Elbphilharmonie

Ein schönes Beispiel dafür sind die beiden Saisoneröffnungskonzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter seinem neuen Chefdirigenten Alan Gilbert. Da trifft eine beliebte Brahms-Sinfonie auf ein noch unbekanntes Auftragswerk der südkoreanischen Komponistin Chin Un-suk, wird Publikumsliebling Leonard Bernstein mit Neutöner Edgar Varèse gekoppelt.

Die Bandbreite sei für ihn wichtig, sagt Gilbert. Und die Bandbreite ist es auch, die das gesamte Elbphilharmonie-Programm auszeichnet. Die den ersten Takten der neuen Saison entgegenfiebern lässt. Natürlich gibt es erwartbar viel Beethoven, schließlich wird 2020 dessen 250. Geburtstag gefeiert, aber eben auch Schwerpunkte zum griechischen Neue-Musik-Komponisten Iannis Xenakis oder zu den Klängen der Seidenstraße.

Orgelsinfonie von mehr als achteinhalb Stunden Dauer

Auf Nummer sicher gehen ist Christoph Lieben-Seutters Sache weiterhin nicht. So wichtig die Auslastung, am Ende zählen mindestens ebenso die künstlerische Klasse und die Chance, Neues zu entdecken und in der Elbphilharmonie zu erleben, was sich nicht überall auf der Welt erleben lässt. Etwa in gut einer Woche das Sorabji-Projekt, eine Orgelsinfonie von mehr als achteinhalb Stunden Dauer.

Natürlich wird die kein Kassenschlager werden, bestimmt bleiben im Großen Saal sogar Plätze frei, aber ihre Aufführung wird den Blick der Musikwelt einmal mehr auf Hamburg richten. Als Ort, an dem Wagnisse eingegangen werden, den man unbedingt auf der Rechnung haben muss.

„Gerade die Konzerte mit Musik abseits des gängigen Repertoires finden meist in so konzentrierter Atmosphäre statt, dass Künstler noch Monate später davon berichten“, sagt Lieben-Seutter. Eine bessere Visitenkarte kann sich ein Konzerthaus kaum wünschen. Und die Stadt Hamburg auch nicht, die seit 2017 massiv von den nie versiegenden Touristenströmen gen Elbphilharmonie profitiert.

Viele Gründe für große Vorfreude auf die neue Saison, in der – das wird manchmal vergessen – natürlich auch die Laeiszhalle ein wichtiger Spielort mit Weltklasse-Programm bleibt. Musikstadt Hamburg? Wir sind auf einem guten Weg.