Meinung
In eigener Sache

Greta, Greta, immer nur Greta

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Foto: Andreas Laible / HA

Neu: Immer montags wollen wir an dieser Stelle auf Kritik an der Berichterstattung, auf Wünsche, Fragen und Debatten eingehen.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Hamburger Abendblatts,

nachdem wir Ihnen in den vergangenen Monaten an dieser Stelle all die lieben Kolleginnen und Kollegen vorgestellt haben, die für diese Zeitung arbeiten, und Sie jetzt fast alle kennen sollten, starten wir heute eine neue Kolumne.

Immer montags wollen wir uns mit Ihren Wünschen oder Ihrer Kritik beschäftigen. Wir wollen über die großen Leser(brief)-Debatten sprechen und Einblicke in unsere Arbeit geben, sowohl in die Art, wie wir recherchieren, als auch, wie das Abendblatt gemacht wird. Wenn Sie dazu Anregungen haben, immer her damit: chefredaktion@abendblatt.de.

Die Debatte der vergangenen Wochen, eigentlich der vergangenen Monate, drehte sich um – Greta Thunberg. Während ein Teil der Leserschaft voller Bewunderung für die 16 Jahre alte Klimaaktivistin ist und die entsprechenden Berichte aufmerksam verfolgt, reicht es einem anderen Teil: „Greta, immer nur Greta“, heißt es in einem Leserbrief. Und in einem anderen: „Gibt es auf dieser Welt eigentlich nichts Wichtigeres als ein Mädchen, das auf einem Segelboot nach New York fährt?“

Die Antwort ist: Ja, es gibt etwas, das viel wichtiger ist. Der Klimawandel und die Folgen für unsere Kinder, Enkelkinder, für alle nachwachsenden Generationen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – in den Gesprächen, die ich mit Lesern, Freunden, Bekannten, Unternehmern, Politikern führe, geht es früher oder später immer um die Umwelt. Menschen erzählen, dass sie vom Auto aufs Fahrrad umgestiegen sind, dass sie weniger Fleisch essen, mehr in Deutschland Urlaub machen oder beim Einkaufen versuchen, Plastikverpackungen zu vermeiden. In den gesellschaftlichen und politischen Debatten hat der Klimawandel beziehungsweise Klimaschutz die sogenannte Flüchtlingsfrage in den Hintergrund gedrängt – allein dafür müsste man „Fridays for Future“ und Greta Thunberg dankbar sein.

Greta ist dabei nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Gesicht der Bewegung. Sie betont selbst, dass es ihr nicht um sich, sondern um die Sache gehe. Dass wir im Hamburger Abendblatt zuletzt so ausführlich über ihre Segeltour berichtet haben, hat so auch weniger mit Greta zu tun, sondern vor allem damit, dass der Mann, der sie derzeit über den Atlantik bringt, einer der bekanntesten Hamburger Segler ist: Boris Herrmann. Kleine Anekdote am Rande: Wir hatten für diesen August mit Herrmann sowieso ein Interview geplant, wollten eigentlich mit ihm über die Vorbereitung auf seine Weltumsegelung im kommenden Jahr sprechen. Dann kam Greta dazwischen ...

Boris Herrmann ist Stürme ja gewohnt; aber was er erlebt, seit bekannt ist, dass er Greta an Bord hat, übertrifft alles. Und dies zeigt leider auch, wie seltsam manchmal mediale Mechanismen sein können. Etwa, wenn ein Fernsehmoderator Herrmann in einem Interview fragt, warum er denn auf einmal eine Art Pressesprecher bräuchte. Ja, vielleicht, weil unzählige weitere Fernsehmoderatoren und Journalisten den Segler mit Anfragen überhäuft haben und er allein diese gar nicht mehr koordinieren konnte?

Absurd wird es, als der Moderator Boris Herrmann fragt, ob er den Greta-Törn für PR in eigener Sache nutzen werde. Der Segler antwortet nett, wie es seine Art ist. Ich hätte an seiner Stelle einfach gesagt: „Ihr TV-Sender wollte mit mir sprechen, nicht umgekehrt.“ Tatsächlich hat der Hamburger Segler wenige Interviews gegeben, weil es, Zitat, „doch nicht um mich und Greta, sondern um den Klimawandel geht“. Und weil er keine Lust hatte, „immer und immer wieder das Gleiche zu sagen“.

Diese Einstellung ehrt Herrmann, schützte ihn aber nicht vor der nächsten Debatte: Kaum war die Tour gestartet, begannen Diskussionen darüber, wie er und das Schiff zurück nach Europa kommen. Die Antwort: Herrmann fliegt, andere Segler bringen die „Malizia II“ zurück nach Europa, und die müssen auch in die USA fliegen. Daraus wurde in einigen Medien der „Greta-GAU“, weil ja durch ihre Reise doch Emissionen ausgelöst würden. Motto: „Dann hätten Greta und ihr Vater doch gleich selbst fliegen können.“ Man ahnt, was eben jene Medien geschrieben hätten, wenn das Mädchen dies tatsächlich getan hätte.

Ich finde es schade, wenn eine so wichtige Debatte wie die um den Klimawandel auf solche Nebensächlichkeiten reduziert wird. Greta muss als Symbolfigur einer Bewegung klimaneutral reisen und damit zeigen, wie es vielleicht gehen könnte. Von allen anderen kann man das jetzt noch nicht erwarten, übrigens auch von Journalisten nicht.

Ich habe mich gewundert, dass es niemanden gab, der Greta nicht vorgeworfen hat, Flüge von Dutzenden Journalisten verursacht zu haben, die von dem Start ihrer Segeltour in England berichten wollten. Wenn Sie verstehen, was ich meine ...