Meinung
Kommentar

Napoleon und Kanzlerin Angela Merkel

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des  Magazins „Cicero".

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins „Cicero".

Foto: Cicero

Das kühle Machtspiel der Kanzlerin um Europa .

Einem französischen Präsidenten wird gerne nachgesagt, ein kleiner Napoleon zu sein. Dabei legt die typischen Eigenschaften des Korsen, der zum Herrscher über Europa wurde, die deutsche Kanzlerin an den Tag. Die wahre Bonapartistin der Neuzeit heißt Angela Merkel. Sie versteht das Machtspiel, das Spiel mit Personal und inhaltlichen Positionen wie jener Mann, der sich einst eigenhändig zum Kaiser krönte.

Entgegen landläufiger Meinung war Napoleon nicht in erster Linie ein kriegslüsterner Feldherr. Sondern vor allem ein genialer Taktiker der Macht, der Personen stets für seine Ziele in­strumentalisiert hat und in seinen Positionen immer quecksilbrig blieb. Von seiner untreuen Ehefrau Josephine trennte er sich nur deshalb nicht, weil sie ihm nützlich war, Kontakte in die französische Gesellschaft hinein für einen weiteren Aufstieg zu knüpfen. Er verbündete sich weder mit dem Lager der Royalisten noch jenem der Revolutionäre, während deren Sturm auf die Bastille er im fernen Korsika weilte wie Angela Merkel beim Mauerfall in der Sauna. Er machte sich nach eigenen Worten in Ägypten „zum Muselmanen“, gab sich kurz darauf in Syrien als katholischer Kreuzzügler, und „wenn ich über ein Volk der Juden herrschte, würde ich den Tempel Salomos wieder aufbauen“, schrieb Bonaparte in seinen Memoiren. Als es auf den letzten Metern bis zum Kaiser nötig wurde, den revolutionären Kräften zu zeigen, dass er kein Royalist ist, ließ er einen Bourbonen-Spross verhaften, verurteilen und sofort exekutieren: „Es war“, sagte er später, „ein notwendiges Opfer für meine Sicherheit und meine Größe“.

Merkel ist eigennützig im Instrumentalisieren des Personals

In der politischen Schlacht um die Spitzenposten in der EU legt Angela Merkel ebendiese napoleonischen Züge an den Tag: quecksilbrig in den Positionen und eigennützig im Instrumentalisieren des Personals. Zur Erinnerung: Die jetzige Wunschlösung Ursula von der Leyen als Kommissionschefin hatte Angela Merkel vor fünf Jahren noch als Kronprinzessin ausgebremst.

Nun zieht Merkel von der Leyen als weißes Kaninchen aus dem Hut. Eine an der Bundeswehr gescheiterte Ministerin und einstige Rivalin als Dea ex machina, als die Lösung aller Probleme in der Kandidatenfindung, hinwegbelobigt ins höchste Amt, das die EU zu vergeben hat, begleitet von einigem Beifall. Hohe politische Kunst ist das. In ihren Positionen agierte Merkel mit einer Flexibilität, die ins Ruchlose spielt.

Die Kanzlerin hat in ihren 14 Jahren als deutsche Regierungschefin und europäische Schlüsselfigur mit ihrem machtpolitischen Genius sehr lange erfolgreich agiert. Aber sie ist damit vor aller Augen an ein Ende gekommen. Auch hier gibt es Parallelen zu Napoleons Spätphase. Der hatte in Ulm, Austerlitz und Jena/Auerstedt noch einmal gegen Österreich und Russland und Preußen einzeln gesiegt. Aber dann verbündeten sich diese Mächte endgültig gegen ihn, und seine Herrschaft fand ihr Ende in der Nähe eines kleinen Dorfes in Belgien, 15 Kilometer südlich von Brüssel. Auch Angela Merkel hat inzwischen fast alle relevanten europäischen Mächte und Kraftzentren gegen sich stehen. Zuvorderst Frankreich und dessen Präsidenten, aber auch die Südländer wie Italien und die osteuropä­ischen Visegrad-Staaten, angeführt von Victor Orbans Ungarn. In Brüssel wird in zwei Wochen zu erleben sein, ob Merkel und ihre Kollegen des Europä­ischen Rates ihr Waterloo erleben: Wenn das Europäische Parlament die Wahl der oktroyierten Kandidatin Ursula von der Leyen verweigert.