Meinung
Hamburger Kritiken

Fridays for Fußball

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible

Warum nach dem Schüler-Protest für Klimaschutz nun eine Fan-Bewegung die Seele des Spiels retten muss.

Hamburg. Der Frosch gilt als Wappentier für eine selbstmörderische Reaktion: Angeblich springt er aus einem Topf mit heißem Wasser, um sein Leben zu retten. Er bleibt aber regungslos in einem Topf sitzen, in dem das Wasser langsam bis zum Sieden gebracht wird – und stirbt.

Schaut man auf den Fußballzirkus dieser Tage, ist der Tod nicht mehr fern. Fast täglich prasseln Nachrichten auf uns Fans ein, die uns eigentlich bis zum Siedepunkt treiben müssten. Aber wir bleiben sitzen, genügsam auf unseren Businessseats oder selbstzufrieden auf dem Sofa. Als Hamburger dürfen wir froh sein, uns in den bescheidenen Gefilden der Zweiten Liga zu bewegen und nicht in der Bel Etage des internationalen Fußballs: Der hat mit der großen Tradition des fairen und schönen Spiels noch so viel zu tun wie die Idee der Familie mit dem Gebaren der Cosa Nostra.

Vor einigen Tagen ist einer der Saubermänner der Branche, Michel Platini, von der französischen Justiz 14 Stunden verhört worden. Die Fahnder hatten viele Fragen: Es ging um die ominöse Vergabe der WM 2022 nach Katar, aber auch um den Zuschlag der Endrunde 2018 nach Russland und das EM-Turnier 2016 in Frankreich. Platini war an allen Vergabeprozessen beteiligt. Besonders interessierte die Fahnder ein Treffen von Platini mit dem französischen Präsidenten Sarkozy und Tamim bin Hamad, dem damaligen Kronprinzen und heutigen Emir von Katar: Am 23. November 2010 dinierten die Herren im Élysée-Palast. Das Gespräch blieb vertraulich, aber nicht folgenlos. Was danach passierte, scheint kaum zufällig: Platini wurde zum Fürsprecher der WM in Katar.

Sind die Scheichs im Sport systemrelevant?

Was für eine glorreiche Idee es war, den Fußball in die Wüste zu schicken, durfte man gerade im WDR bestaunen: Die Reportage „Gefangen in Katar“ legt offen, dass noch immer katastrophale Bedingungen auf den WM-Baustellen herrschen und dort Hunderte Gastarbeiter zu Tode kamen. Die Fifa stört das kaum. Offenbar sind die Scheichs im Sport inzwischen systemrelevant – too big to fail.

Die Katar-Connection reicht weit: Platinis Sohn Laurent ist Europachef bei Qatar Sports Investment. Genau diese Investorengruppe übernahm wenige Monate nach dem Dinner im Élysée den finanziell klammen Club Paris St.-Germain. Ein Märchen aus 1001 Nacht: Als die Milliarden aus dem Ölland, darunter ein obskurer Sponsoringvertrag mit Katars Tourismusbehörde, sprudelten, ging es aufwärts. Heute ist PSG Serienmeister in Frankreich; mit der Verpflichtung von Neymar für 222 Millionen Euro soll endlich der Titel in der Champions League her.

Ach, die Königsklasse: Das ist diese Liga, in der Spielzeuge von russischen Oligarchen (FC Chelsea, AS Monaco), Wüstenscheichs (PSG, Manchester City), italienischen Autozaren (Juve), US-Immobilienmoguln (Arsenal) oder Finanzjongleuren (Manchester United) wetteifern. Da Milliardäre nicht um die Qualifikation in lästigen Meisterschaften bangen wollen, möchten die Mitglieder der European Club Association nun 28 der 32 Startplätze in der Champions League anders vergeben. Auf Deutsch: Wer drin ist, bleibt drin. Wer draußen ist, kann sehen, wo er bleibt. Rudi Völler fürchtet einen „Todesurteil für den Fußball“.

Investor will Hertha BSC für das Kapital aufhübschen

Auch in der Bundesliga gibt es schon Sterbehilfe. Ein Investor will die alte Dame Hertha BSC für das Kapital aufhübschen. Der windige Geschäftsmann Lars Windhorst hat über seine Firma Tennor 37,5 Prozent gekauft: „Die Hertha kann wie andere Clubs in London oder Madrid zu einem echten ,Big City Club‘ werden.“ Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode. Kurz zuvor hatten der Brauseverein RB Leipzig und Aufsteiger Paderborn eine Partnerschaft ausgeheckt – für zwei Vereine in einer Liga eine sehr seltsame Idee. Immerhin: Hier war der Druck aus der Fanszene so groß, dass die Planungen nun gestoppt wurden.

Das zeigt: Widerstand lohnt sich: Vielleicht sollten die Fans mit „Fridays for Football“ für die Seele des Fußballs kämpfen. Sie sind nicht bloße Staffage und Hintergrundchor für die Vermarktung, sie sind zentraler Bestandteil des Spiels. Wenn die Fans auf die Barrikaden gehen, werden sich Sponsoren ihre Finanzierung zweimal überlegen. Wenn sie ihre TV-Geräte abschalten, sinken die Erlöse. Und wenn die Fans international Druck ausüben, wird vielleicht noch einmal über die WM im Wüstensand diskutiert werden. „Vom Winde verweht“ wäre doch eine schöne Zeile im Sport.