Meinung
Kolumne Sportplatz

Wer braucht eigentlich die Europaspiele?

Björn Jensen ist Sportredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Björn Jensen ist Sportredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Michael Rauhe / HA

Die zweite Auflage des kontinentalen Sportwettbewerbs beginnt in Weißrussland. Von Sinn und Unsinn einer Großveranstaltung.

Wer in den kommenden Tagen bis zum 30. Juni den Spartensender Sport 1 einschaltet, darf sich auf das Kontrastprogramm zum öffentlich-rechtlichen Fußballmarathon freuen. 149 deutsche Athletinnen und Athleten kämpfen in 13 Sportarten um Medaillen! Olympia im Kleinformat! Gut ein Jahr vor den Sommerspielen in Tokio genau das Richtige, um in Stimmung zu kommen und den Scheinwerfer wieder auf jene zu richten, die zu häufig im Schatten der Kommerzmaschine Fußball dümpeln.

Klingt toll, doch so einfach ist es nicht. Europaspiele, so heißt der Zirkus, der die Bühne des internationalen Sports betritt. Und seine Manege steht in Minsk, der Hauptstadt Weißrusslands. Ein Land, das im Juli ein noch größeres Ereignis erlebt, wenn Staatspräsident Alexander Lukaschenko sein Jubiläum feiert. Seit 25 Jahren ist der „letzte Diktator Europas“, wie westliche Medien ihn nennen, im Amt, und sein Regime ist von eiserner Hand. Auf Rang 153 der Weltrangliste der Pressefreiheit führt die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ die rund zehn Millionen Einwohner zählende Republik. Repressionen gegen regierungskritische Bürger sind dort Alltag.

Europaspiele: jetzt schon ein Werkzeug autokratischer Staaten?

Die Premiere der Europaspiele fand vor vier Jahren in Baku statt, der Hauptstadt Aserbaidschans. Auch dort herrschte (und herrscht noch immer) mit Ilham Alijew ein Despot, auch dort waren (und sind noch immer) Menschenrechtsverletzungen Alltag. Der Eindruck, der sich aufdrängt, ist fatal: Ist der Wettstreit, der von den Nationalen Olympischen Komitees Europas als Pendant zu anderen Kontinentalturnieren wie den Asienspielen oder den Panamerican Games ins Leben gerufen worden war, schon jetzt zu einem Werkzeug autokratischer Staaten geworden, um mit schönen Bildern sportlich fairer Wettkämpfe ihr Image aufzupolieren?

Nun bleiben mit einem Blick auf die Gastgeber manch Olympischer Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften einige Argumente gegen die Vergabe der Europaspiele im Halse stecken. Der Verweis darauf, dass Weißrussland das einzige europäische Land ist, in dem noch die Todesstrafe vollstreckt wird, verblasst angesichts der Tatsache, dass Los Angeles 2028 die Sommerspiele ausrichten wird. Auch in einigen US-Bundesstaaten wird die Todesstrafe immer noch vollstreckt. Die Diskussion, ob es besser ist, totalitäre Staaten als Gastgeber internationaler Sportveranstaltungen zu meiden oder sie gerade deshalb ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren, kann auch niemand endgültig beenden.

Braucht man die Europaspiele aus sportlichen Gründen?

Eine andere Frage ist deshalb entscheidend: Braucht es diese Europaspiele aus sportlichen Gründen? Seit der Premiere 2015 hat das Format weder für Sportler, Fans noch Medien an Bedeutung gewonnen. Immerhin darf man den Weißrussen zugutehalten, dass die Kosten für das Spektakel mit geschätzten 100 Millionen Euro im Vergleich zu den zwei Milliarden in Baku moderat sind. Aber in einigen Sportarten treten weiter nur Nachwuchsathleten an. Andere vergeben immerhin Punkte für die Olympiaqualifikation, Judo und Kanurennsport deklarieren die Wettkämpfe sogar als Europameisterschaft. Aber wenn ein als eigenständig geplanter Kontinentalwettstreit seine sportliche Bedeutung daraus zieht, dass dort Europameister gekürt werden können, ist das deutlich zu wenig.

Viel sinnvoller wäre es, ein anderes Format zu forcieren, das im vergangenen Jahr eine europaweit sowohl medial als auch von den allermeisten Teilnehmern als glanzvoll bewertete Premiere feierte: die European Championships. Der Zusammenschluss von sieben Sportarten, die zeitgleich ihre Europameister in Glasgow und Berlin kürten, hat gezeigt, dass sportliche Wertigkeit und von politischen Diskussionen weitgehend unabhängige Gastgeber eine Mischung ergeben, die letztlich vor allem denen guttut, die im Mittelpunkt stehen sollten: den Athleten und ihren Fans.

Es wäre falsch, den Weißrussen ihre Sportparty zu missgönnen. Sie haben die Chance verdient, sich als weltoffene, faire Gastgeber zu präsentieren. Manchmal hat der Sport ja tatsächlich die Kraft, Dinge zu verändern oder Veränderungen anzustoßen. Aber ob es die dritte Auflage der Europaspiele, für die Krakau einziger Bewerber ist, 2023 wirklich geben muss, darf man schon jetzt bezweifeln.