Meinung
Kommentar

Die Lehren aus dem Missbrauchsskandal von Lügde

Tobias Blasius. 

Tobias Blasius. 

Was im Dezember 2018 als Durchsuchung einer Kreispolizeibehörde auf einem Provinz-Campingplatz in Ostwestfalen begann, hat sich zu einem der entsetzlichsten Missbrauchsskandale der Republik ausgewachsen. „Lügde“ ist zur Chiffre geworden für Unmenschlichkeit, Wegschauen und Behördenversagen. In der angeblich so idyllischen Freizeitoase „Eichwald“ wurden über Jahre mindestens 41 Kinder vergewaltigt und gequält. Mutmaßlich drei Haupttäter haben über 1000 Taten in Millionen Fotos und Videos festgehalten und verbreitet.

Wenn man im Missbrauchsskandal von Lügde irgendeinen tröstlichen Aspekt finden will, dann allenfalls diesen: Die nordrhein-westfälische Politik hat sich nach schweren Behördenpannen, Fehleinschätzungen und strukturellem Versagen in der Vergangenheit häufig als lernendes System gezeigt. Das „Gladbecker Geiseldrama“ etwa führte vor gut 30 Jahren zur völligen Neuorganisation der NRW-Polizei. Die Kölner Silvesternacht prägt bis heute Einsatzstrategien gegenüber „Tumultdelikten“. Oder der nachlässige Umgang mit dem Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäter Amri: Er hatte zur Konsequenz, dass NRW inzwischen häufiger den „Terror-Paragrafen“ 58a anwendet.

Lügde muss ein ebensolches Fanal sein. Das Land braucht eine Polizeistrukturreform, damit nie wieder eine überforderte Landratsbehörde in einem solch monströsen Fall vor sich hin dilettieren kann. Nirgendwo schwächt sich die Kriminalpolizei durch zersplitterte Zuständigkeiten so sehr wie an Rhein und Ruhr. Zugleich muss das Regelwerk der Jugendhilfe nachgeschärft werden, damit Pflegekinder nicht mehr so leicht in Hände wie die des Hauptverdächtigen Andreas V. geraten können. Das sind die traurigen Lehren aus Lügde.