Meinung
Deutschstunde

Auch in Deutsch kann man als Abiturient stolpern

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Als ich vor einer Woche als Einstieg in meine Kolumne den Shitstorm der Schüler gegen die Mathematik-Aufgaben in den diesjährigen Abiturprüfungen erwähnte, kannte ich die Aufgabenstellung noch nicht und habe deshalb kein eigenes Urteil abgegeben. Ich habe lediglich den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, erwähnt, der anderer Meinung war. Das brachte mir einige hasserfüllte Zuschriften ein.

Offenbar darf man den deutschen Lehrerpräsidenten auf der Meinungsseite des Abendblatts nicht mehr zitieren, ohne sich angeblich an der Zukunft der jungen Generation, ja der gesamten Erde zu versündigen. Soweit ich verstanden habe, soll jedes Kind nicht nur Abitur machen, sondern selbstverständlich ein Einser-Abitur ablegen, und wenn das gefährdet erscheint, hat der Schulsenator gefälligst den Bewertungsmaßstab so lange herabzusetzen, bis dieses Ergebnis erreicht ist.

Deutschkenntnisse sind meist miserabel

Nein, mir ging es nicht um die Mathematik, sondern um die Deutschkenntnisse der Abiturienten, und die sind teilweise miserabel. Wenn das Bundeskriminalamt die Hälfte der neu ausgeschriebenen Stellen nicht besetzen kann, weil die Bewerberinnen und Bewerber trotz Abiturs durch den Deutschtest gefallen sind, wenn die Universitäten erst Nachhilfekurse einrichten müssen, damit die Erstsemester fehlerfreie Sätze zustande bringen, so hat die Zukunft unseren akademischen Nachwuchs nicht nur eingeholt, sondern bereits überholt, und das nicht nur am Freitag.

Ich will die Leser nicht ärgern, sondern möglichst launig auf einige Tücken der deutschen Sprache aufmerksam machen. Anja Steinhauer hat im Dudenverlag ein Erste-Hilfe-Buch mit dem Titel „Die 100 häufigsten Fehler. Rechtschreibung, Grammatik & Co.“ herausgebracht. Dieses alphabetisch geordnete Bändchen kostet nur 5 Euro und ist überaus empfehlenswert. Blättern wir einmal hinein! Das Wörtchen „all-“ wird grundsätzlich kleingeschrieben: Es kamen alle. Es geht um alles. Einzige Ausnahme: Du bist mein Ein und Alles.

Wie ist es mit „mal“ oder „Mal“?

Auch „solch-“ schreibt man immer klein: Ein solcher ist mir unbekannt; solches sollte nicht möglich sein. Es gibt die gebeugte und die ungebeugte Form. Beide sind korrekt: „solch“ feiner Stoff oder „solcher“ feine Stoff.Heißt es „selbst“ oder „selber“? Die Form „selbst“ ist gehobene Standardsprache, „selber“ hört man eher in der großen Pause auf dem Schulhof. „piken“ und „piksen“ schreibt man übrigens mit Einfach-i und nicht mit „ie“. Es handelt sich nämlich um Nebenformen zu „picken“.

Großbuchstaben finden wir in Paarformeln, die für Menschen stehen: Groß und Klein, Jung und Alt. Wie ist es mit „mal“ oder „Mal“? Groß schreibt man, wenn es sich um das Substantiv „das Mal“ handelt: jedes Mal, ein paar Mal, klein bei „drei mal zwei ist [ist!] sechs“ oder wenn es um die Verkürzung von „einmal“ geht: Das ist nun mal so! Man kann einen Bindestrich setzen, wenn in einem Kompositum mit einem Familiennamen als Erstglied der Name hervorgehoben werden soll: Opel-Vertretung, Schiller-Erstausgabe. Bei geläufigen Bezeichnungen schreibt man hingegen zusammen: Röntgenstrahlen, Dieselmotor.

Der Bindestrich, nein!, mehrere Bindestriche müssen gesetzt werden, wenn im Erstglied mehr als ein Name auftaucht: Max-Planck-Gesellschaft, St.-Michaelis-Kirche, Johann-Wolfgang-von-Goethe-Straße. Soweit ich es übersehe, werden Hamburger Schulen entsprechend durchgekoppelt, nur die „Ida Ehre Schule“ nicht. Ich frage mich, ob hier der Steinmetz zu gleichgültig oder die Schulleitung zu widerborstig war.

Farbbezeichnungen schreibt man klein, wenn man sie mit „wie?“ erfragen kann: das blaue Kleid; der Stoff ist blau. Groß wird geschrieben, wenn es sich um eine Substantivierung handelt, die mit „was?“ bestimmt wird: das Kleid in Blau; die Ampel steht auf Grün; ich liebe das Blaue ihrer Augen; eine Fahrt ins Blaue. Groß oder klein erscheinen manche Fachbegriffe: der blaue/Blaue Brief, das schwarze/Schwarze Brett, die rote/Rote Karte. Diese Beispiele waren zufällig herausgegriffen. Falls Sie eine Fortsetzung wünschen, lassen Sie es mich wissen.

Kontakt zum Autor: deutschstunde@t-online.de