Meinung
Leitartikel

Der Autorekord in Hamburg hat Ursachen

Abendblatt-Redakteur Jens Meyer-Wellmann

Abendblatt-Redakteur Jens Meyer-Wellmann

Foto: Bertold Fabricius

Hamburg. Gelegentlich könnte man daran zweifeln, aber grundsätzlich stimmt es wohl doch: Der Mensch ist ein rationales Wesen. Hat er Alternativen, so vergleicht er – und entscheidet sich für die aus seiner Sicht günstigste, also vernünftigste. Das gilt nicht nur beim Einkaufen und beim Anbieten der eigenen Arbeitskraft, sondern auch beim Thema Mobilität.

Man kann es angesichts der Platzvergeudung durch im Durchschnitt 23 Stunden am Tag herumstehende Autos, angesichts von Luft-, Lärm- und Klimaproblemen natürlich verwerflich finden, dass immer mehr Hamburger sich einen eigenen Wagen kaufen (und davon kaum jemand ein E- oder Hybrid-Fahrzeug). Man kann sich echauffieren, dass es nun sogar einen neuen Rekord bei der Zahl der in Hamburg registrierten Pkw gibt – trotz aller Bemühungen, aus der Freien und Autostadt eine Fahrradmetropole zu machen. Aber die gerne zelebrierte öffentliche Moralpredigt erzeugt eben, wie man sieht, in der Regel keine nennenswerten Verhaltensänderungen.

Warum wollen so viele Hamburger ein Auto besitzen?

Sinnvoller scheint es, erst einmal völlig wertfrei zu fragen, warum so viele Hamburger ein Auto besitzen wollen. Die Antwort dürfte in vielen Fällen lauten: weil es für sie unter den gegebenen Bedingungen vernünftig ist – aus mehreren Gründen. Erstens ist der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Hamburg beileibe nicht optimal ausgebaut. Es gibt noch immer massenhaft Strecken, auf denen die HVV-App einem, sagen wir, 50 Minuten Fahrzeit mit drei Umstiegen prognostiziert, der Auto-Navi aber nur 15 oder 20 Minuten. Das betrifft vor allem Querverbindungen und die Strecken ins Umland. In so einem Fall kann es (zumindest hinsichtlich Zeit und Bequemlichkeit) durchaus rational sein, ins eigene Auto zu steigen.

Zweitens sind Busse und Bahnen auf manchen Strecken so überfüllt oder unzuverlässig, dass sie nicht einladend wirken. Das Gleiche gilt für den verstopften Hauptbahnhof. Der ÖPNV in Hamburg ist zwar vergleichsweise gut – aber er hat erkennbar Schwierigkeiten, mit dem Wachstum der Stadt mitzuhalten.

Autofahren ist in Hamburg vergleichsweise günstig

Drittens sind Carsharing-Anbieter in vielen äußeren Stadtteilen noch immer nicht präsent – sodass man sich längst nicht überall und einfach mal schnell einen Wagen für einen Großeinkauf oder eine vom HVV nicht gut abgedeckte Strecke leihen kann.

Viertens ist das Autofahren in Hamburg vergleichsweise günstig. Das Parken in der Innenstadt ist noch bezahlbar – und selbst in engen Wohngebieten erlaubt es die Stadt, dass Autobesitzer ihre Pkw ohne jede Zeitbegrenzung kostenlos auf öffentlichem Grund abstellen, egal wie knapp der Platz mittlerweile ist.

Und fünftens sind die Preise des HVV ja auch nicht in jeder Hinsicht als Schnäppchen zu bezeichnen.

All das lässt es offensichtlich vielen Hamburgern nötig und vernünftig erscheinen, ein eigenes Auto zu besitzen. Zwar nutzen sie ihre Pkw seltener für Fahrten in der Stadt, wie Verkehrszählungen zeigen – und die Zahl der Pkw pro 1000 Einwohner ist leicht gesunken. Damit werden die Probleme aber noch nicht gelöst. Denn die Hamburger Bevölkerung wächst weiter, immer neue Wohnungen müssen gebaut werden – für viel mehr Autos und Parkplätze ist da irgendwann kein Raum mehr in der Stadt (mal abgesehen von den ökologischen Problemen, die Autoverkehr erzeugt).

Es gibt wohl nur einen Weg, den Besitz eines Autos für immer mehr Hamburger überflüssig und unvernünftig erscheinen zu lassen: Die ÖPNV- und Sharing-Angebote müssen sehr viel besser werden. Und das Autofahren, bzw. -besitzen muss einen Preis bekommen, der nicht nur die Verknappung des Platzes in der Stadt abbildet – sondern auch die Auswirkungen auf Umwelt und Klima.