Meinung
Leitartikel

Eine Großstadt ist laut – ob man will oder nicht

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible

Wir wollen eine pulsierende Metropole, aber gleichzeitig die Ruhe eines Kurortes. Das funktioniert nicht.

„Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – aber abends zum Kino hast dus nicht weit. Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit ...“

1927 formulierte Theobald Tiger in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ dieses Gedicht mit dem Titel: „Das Ideal“.

In den vergangenen 92 Jahren hat sich die Mentalität der Menschen offenbar wenig verändert. Wir möchten mitten im Leben wohnen, aber nicht vom Leben der Mitmenschen gestört werden; überallhin fahren dürfen, aber bitte weniger Verkehr; wir wollen in wenigen Minuten vom Flughafen in alle Welt jetten, aber verbitten uns den Lärm; wir wohnen stolz in einer Stadt des Sports, aber ertragen kaum ballspielende Kinder; wir genießen das breite Kulturangebot, aber möchten die Musik der anderen nicht hören; wir profitieren von starken Unternehmen, aber verbitten uns jede Neuansiedelung; wir wollen günstige Wohnungen – nur nicht in unserer Nachbarschaft; wir möchten Metropole sein, aber empfinden Touristen schnell als Belästigung.

Kurzum: Wir lieben das pulsierende Leben einer Großstadt, aber ersehnen zugleich die Ruhe des ländlichen Idylls.

So ist der Mensch. Aber so funktioniert eine Großstadt nicht.

Ausgerechnet an den S-Bahn-Gleisen sorgt man sich um Lärm

Leider scheint diese banale Weisheit manche zu überfordern. Und die Kraft der Toleranz schwindet. Über die Ursachen lässt sich nur spekulieren: Vielleicht liegt es am demografischen Wandel, weil immer mehr Ältere tendenziell weniger kompromissbereit sind als die schrumpfende Gruppe der Jüngeren. Vielleicht spielen die eigenen Befindlichkeiten in einer Gesellschaft der Selbstoptimierer, Ich-AGs und Selbstverwirklicher eine größere Rolle als das Wir. Vielleicht verlieren wir vor lauter Minderheiteninteressen das Mehrheitsinteresse aus dem Blick. Und wahrscheinlich ermuntern immer neue Beteiligungsformate und juristische Möglichkeiten manche Widerständler geradezu.

Ständig überziehen Anwohner Lärmquellen oder Befindlichkeitsstörer in der Nachbarschaft mit Klagen – egal ob das Sportvereine, Betriebe, der Flughafen oder Kulturstätten sind. Die Nachricht, das nun die Suche nach einem Quartier für die Altonaer Musikclubs am Anwohnerwiderstand scheitert, hat etwas Groteskes: Eigentlich sollten auf dem Grünstreifen unterhalb der S-Bahn-Gleise am Schanzenpark Waagenbau, ­Astra Stube und Fundbureau eine neue Heimat finden: Nun verhindern Sorgen um Lärm- und Müllbelastungen das Kulturhaus – wohlgemerkt an den S-Bahn-Gleisen am Schanzenpark.

Ohne Lärmtoleranz wäre Hamburg immer Dorf geblieben

Mit dieser Haltung wäre Hamburg niemals Musikstadt geworden, die Reeperbahn nie eine „geile Meile“, die Hansestadt nie pulsierender Standort für Kultur, Unternehmen und Menschen. Ja, Hamburg wäre nie Weltstadt geworden, sondern Dorf geblieben.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, berechtigte Einwände gleich vom Tisch zu wischen: Eine Wohnstraße ist keine Partymeile, nicht jedes Quartier taugt zum Vergnügungsviertel, nicht jede Grünfläche darf Bauland werden und nicht überall die Wirtschaft Vorrang haben. Aber die Befindlichkeiten von wenigen dürfen auch nicht zum Maß eines Gemeinwesens werden, das den Interessen aller verpflichtet ist: Eine Großstadt ist manchmal laut, dreckig, voll, anstrengend. Das ist kein Anlass zur Klage, sondern ihr Wesenskern. Und das erfordert Toleranz von allen.

Wie wusste schon Theobald Tiger, der in Wahrheit Kurt Tucholsky hieß: „Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Dass einer alles hat: das ist selten.“