Meinung
Glosse

Staukönig der Einmannjury

Der Autor ist Chefreporter beim Abendblatt.

Der Autor ist Chefreporter beim Abendblatt.

Foto: Michael Zapf

Sie sitzt entspannt, bringt erst den Lippenstift zum Einsatz, dann eine Art Puderquast. Gedankenverloren betrachtet sie ihr nicht mehr blutjunges Antlitz im Spiegel, korrigiert hier und da ein bisschen. Dass es sich um einen Rückspiegel im Auto handelt, ist nicht das Hauptproblem. Eher, dass die Lady vor der Ampel Hohenzollernring in Ottensen in der Poleposition steht – und eine komplette Grünphase vertrödelt. Und das im morgendlichen Stoßverkehr.

Diese Seelenruhe fasziniert dermaßen, dass ich nicht hupe. Und die beiden Fahrer hinter uns ebenfalls nicht. Haben auch sie Respekt vor innerer Einkehr und frühmorgendlicher Reparaturarbeit? Oder träumen sie lediglich? Beim zweiten Mal Grün geht’s endlich los. Begleitet von der abgefahrenen Frage: Was macht Steuermann*frau morgens im Stau? Spannendes Studienprogramm.

Viele dämmern vor sich hin oder hantieren mit ihren Handys. Eine wippt heftig im Takt von wer weiß, was. Ein Wuchtbrummer im weißen Oberhemd pult unentwegt an seinem rechten Ohrläppchen. Dann betrachtet er es im Spiegel. Drei Jungs der Stadtreinigung haben ihren Spaß. Woran bloß? Ein Typ mit dunkler Mütze kriecht mit Tempo 30 auf die Kreuzung Königstraße zu, beschleunigt im allerletzten Moment und rast bei Dunkelrot über die Haltelinie.

Die Dame mit Kurzhaarfrisur im Cabrio hat die Open-Air-Saison eingeläutet – und abgehoben. Das Anzünden ihrer Zigarette in der Frischluft sollte noch trainiert werden. Der Ehrenpreis der Einmannjury indes geht an einen Astra-Fahrer. Der Staukönig des Tages rasiert sich tatsächlich. Stop-and-go. Während der Fahrt.