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Kommentar

FC St. Pauli und ein Plakat gegen die eigenen Werte

Der Autor ist St.-Pauli-Reporter beim Abendblatt.

Der Autor ist St.-Pauli-Reporter beim Abendblatt.

Foto: Klaus Bodig / HA

Der verschmähte Dudziak verdient Respekt und Toleranz. Fragwürdig ist auch das Verhalten von Rettig und Göttlich.

Hamburg. Natürlich ruft es Emotionen hervor, wenn ein Fußballer ausgerechnet zum Lokalrivalen wechselt – so wie es im Sommer Jeremy Dudziak praktizieren wird, der nach vier Jahren beim FC St. Pauli zum HSV geht, um dort sein Ziel, Erstligaprofi zu werden, zu verwirklichen. Rein aus dem Affekt heraus aber handelten die St.-Pauli-Fans sicher nicht, die für das Spiel am Sonnabend in Kiel ein Transparent bastelten, auf dem sie Dudziak als „Rautenschwein“ beleidigten. Es gab während des Malens ja Zeit genug, das eigene Tun kritisch zu hinterfragen. Das blieb offenbar aus.

Besonders brisant ist der Vorgang auch deshalb, weil das Transparent nur rund 38 Stunden nach der überaus gut besuchten Diskussionsveranstaltung zu den Werten des FC St. Pauli gezeigt wurde. Die für die Beleidigung verantwortlichen Fans machten damit deutlich, dass sie nichts von dem Schulterschluss halten, zu dem Geschäftsführer Andreas Rettig an jenem Abend unter großem Beifall für die letzten sieben Saisonspiele aufgerufen hatte.

Dudziak-Plakat: Rettig und Göttlich sollten sich äußern

Ein Spieler, der vier Jahre lang für den Millerntor-Club gespielt hat, verdient den Respekt und die Toleranz, die sich der FC St. Pauli ja ganz besonders auf die Fahnen geschrieben hat. Und das auch dann, wenn er zum HSV wechselt.

Die Weigerung der St.-Pauli-Chefs Andreas Rettig und Präsident Oke Göttlich, zu diesem Vorgang Stellung zu beziehen, ist allerdings auch ein fragwürdiges Verhalten. Zwar dürfte gerade nach dem Appell vom Donnerstag niemand glauben, die beiden könnten den Spruch etwa witzig finden oder für gut halten. Doch haben sie etwa Angst, das Verhältnis zu den Fans könnte – nach den jüngsten Sanktionen wegen der Pyro-Exzesse im Stadtderby – zu stark belastet werden, wenn sie die Botschaft des Transparents in gebotener Weise kritisieren? Noch besteht die Chance, diesen Verdacht zu widerlegen.

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