Meinung
Sportplatz

Deutschlands Desaster im Fußball

Autor Frank Hellmann

Autor Frank Hellmann

Foto: Privat / prival

3:17 in der Champions League. Wie die Nationalelf spielt auch die Bundesliga international nur noch die zweite Geige.

Es ist erst anderthalb Monate her, als Matthias Sammer auf einem hell ausgeleuchteten Podium der Düsseldorfer Messe saß. Der Chefkritiker des deutschen Fußballs trug damals einen knallblauen Pullover über einem blau-weiß gestreiften Hemd, was einen schönen Kontrast zu seinem rot-grauen Bart bildete. Der ehemalige Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Sportvorstand des FC Bayern skizzierte ein alarmierendes Bild vom deutschen Fußball. „Wir laufen aktuell der Musik hinterher, sowohl in der Nationalmannschaft als auch zum Teil bei den Clubs, wenn man höchste Ansprüche hat“, sagte einer, den die Öffentlichkeit aus seinen aktiven Zeiten als „Feuerkopf“ kannte. Aktuell scheint es, als sei bei wichtigen Protagonisten das Feuer erloschen. Wer Manuel Neuer, Kapitän der Nationalmannschaft und der Bayern, bei seinem Statement zum Münchner Ausscheiden in der Champions League gegen den FC Liverpool zuhörte, der erschrak über den resignativen, fast fatalistisch anmutenden Unterton.

Der in doppelter Hinsicht verletzlich wirkende Torhüter versinnbildlicht am besten den Verlust einstiger deutscher Urtugenden. Wo sind die kratzbürstigen Elemente hin, wenn es spielerisch nicht läuft? Das deutsche Trio ist gegen die englische Troika in der Königsklasse krachend gescheitert. Eine Nullnummer, fünf Niederlagen. Bei einem Torverhältnis von 3:17. Ein harter Dexit. Borussia Dortmund blieb rat- und torlos auf der Strecke, der FC Schalke 04 wehr- und hilflos. Und der FC Bayern, der sonst noch immer die Kohlen für die Bundesliga aus dem Feuer holte, hat schmerzhaft die Dringlichkeit der Erneuerung erfahren. Im wichtigsten Vereinswettbewerb schaut Fußball-Deutschland in der entscheidenden K.-o.-Phase genau wie bei der WM in Russland nur zu. Und da hilft auch nicht, dass die Ausbeute dieser Saison in der Uefa-Fünfjahreswertung noch halbwegs ordentlich ausfällt.

Wer legt jetzt den Finger in die Wunde? Bundestrainer Joachim Löw, der sich mit einer in Stil und Form arg misslungenen Ausbootung von drei Münchner Weltmeistern angreifbar gemacht hat? Präsident Reinhard Grindel, der als Quereinsteiger aus dem Politbetrieb immer noch vielen Profivertretern fremd vorkommt? Vier Tage nach Sammers aufrüttelnden Worten ging Grindel auf einer Talkrunde in Frankfurt nicht auf dessen Kardinalkritik ein. Tenor: alles halb so schlimm. Bald darauf sollte die Deutsche Fußball Liga (DFL) erstmals einen Sportreport vorstellen. Botschaft: In der Bundesliga wird am häufigsten aufs Tor geschossen und fallen die meisten Tore, kommen die meisten Zuschauer und gibt es die wenigsten Roten Karten in den fünf europäischen Top-Ligen. Fakt ist aber auch: Erstmals seit 2006 fehlt nun ein deutscher Club im Champions-League-Viertelfinale.

Viel zu kurz greift die Argumentation, der Fußball auf der Insel sei finanziell so viel besser gestellt. Trotzdem stehen auch der FC Porto oder Ajax Amsterdam in der Runde der letzten acht. DFB und DFL müssen sich schnell darauf verständigen, wie sie Erfolg definieren und organisieren wollen. Vieles geschieht aus Frankfurt nicht nur räumlich getrennt voneinander. Der DFB hat alle Hände voll zu tun, dass ihm die mit Alltagsproblemen belastete Basis nicht entgleitet. Die Kluft zwischen den fast 25.000 Amateur- und den 36 Lizenzvereinen wächst immer weiter: Die einen sollen den Mangel an Ehrenamtlichen auffangen und gleichzeitig Flüchtlinge eingliedern, die anderen wollen Toptalente züchten und international den Anschluss halten.

Die Elitedirektion von Oliver Bierhoff ist zu Jahresanfang in neue Räumlichkeiten abseits der Verbandszentrale gezogen, weil die neue Akademie viel später fertig wird als geplant. Spätestens in „fünf, sechs Jahren“ will Bierhoff die A-Nationalmannschaft wieder in die Weltspitze zurückgebracht haben. Nur mit welchen Spielern? Die revolutionärsten Konzepte – wenn F-Junioren vielleicht bald zwei gegen zwei kicken – helfen wenig, wenn die Bolzplatzmentalität verloren geht und die Nachwuchsleistungszentren gleichförmige Systemspieler ausspucken.

Vielleicht sollte vor allen weiteren Diskussionen zuerst eine Frage geklärt werden, die Sammer vor anderthalb Monaten gestellt hat: Was ist der Anspruch?