Meinung
Zwischenruf

Unser Freund, der Baum, ist tot

Matthias Popien ist Redakteur in der Lokalredation des Hamburger Abendblattes.

Matthias Popien ist Redakteur in der Lokalredation des Hamburger Abendblattes.

Foto: Birgit Schücking

Es gibt so Tage, die sind verdunkelt und erhellend zugleich. Verdunkelt, weil ganz plötzlich etwas Liebgewonnenes verschwindet. Erhellend, weil genauso plötzlich klar wird, dass man mit seiner Zuneigung absolut nicht allein gewesen ist. Nein, der kleine Tannenbaum, der seit Jahren auf der Verkehrsinsel inmitten der Ludwig-Erhard-Straße sein Leben verteidigte und uns seine dürren, mit Kugeln und Sternen weihnachtlich geschmückten Arme entgegenstreckte – er hatte geheime Freunde und Unterstützer. Dennoch: Der kleine Baum existiert nicht mehr. Wohl am vergangenen Sonntag ist er herausgerissen worden.

Wir hatten an dieser Stelle mehrfach über Hamburgs tapfersten Tannenbaum geschrieben – und darüber gerätselt, wer ihn wohl so originell geschmückt hat. Dieses Rätsel ist nun gelöst – mithilfe einer Leserin. Sie rief an, um den Tod des Baumes zu vermelden. Am Montag hat sie es entdeckt. In ihrer kleinen Hausgemeinschaft an der Gerstäckerstraße am Michel verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. „Wir hingen so sehr an dem Baum“, erzählte die Anruferin. „Ach, unser Baum, unser Baum“, hätten die Nachbarinnen geklagt. Über Jahre hatten sie die kleine Tanne mit immer neuem Schmuck behängt, wenn die alten Kugeln schmutzig und trübe geworden waren. Die Leserin vermutet, dass die grausame Tat nach dem Fußballderby im nahen Millerntor­Stadion geschehen sein könnte, das der FC St. Pauli verloren hatte. „Vielleicht waren es Frustrierte, wir waren ja alle frustriert am Sonntag.“

Wir wollen das nicht vertiefen. Ja, unser Baum ist tot. Aber er hat Freunde, die nun um ihn trauern.