Meinung
Leitartikel

Das schleichende Verdorren der Städte

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Einkaufsstraßen und Städte sterben nicht mit einem Schlag, sondern schleichend; sie veröden, sie verdorren, sie verkarsten über Monate, mitunter über Jahre. Der Wandel ist so schleichend, das er zunächst kaum auffällt, nicht erschreckt, niemanden bewegt. Wenn er dann ins Auge springt, ist es meist schon zu spät. Die jüngste Meldung vom Umzug des Traditionshauses Ladage & Oelke weg vom Neuen Wall ist sicher keine Untergangsnachricht; sie ist aber ein Warnzeichen für Hamburgs Prachtstraße wie für den Einzelhandel der Stadt insgesamt.

Noch immer zieht der Neue Wall mit prächtigen – oft inhabergeführten Läden – Kunden aus nah und fern, noch ist die Innenstadt weit von der Tristesse mancher Stadtteile entfernt, in der sich leere Schaufenster an verwaiste Läden reihen. Die Branche steckt in einer tiefen Krise: Seit Jahren stagniert der stationäre Handel, während der Internethandel kräftig hinzugewinnt. Im zurückliegenden Weihnachtsgeschäft haben Amazon und Consorten knapp zehn Prozent auf 13 Milliarden Euro hinzugewonnen, während der klassische Handel ein kümmerliches Prozent auf knapp 87 Milliarden zugelegt hat – dieses Wachstum ist in realen Preisen ein Schrumpfen.

Und die Umverteilung nimmt an Dynamik noch zu. Der Handelsverband Deutschland befürchtet, dass bis zum Jahr 2020 rund 50.000 Standorte deutschlandweit vom Markt verschwinden. Damit verschwänden zehn Prozent des derzeitigen Angebots. Es droht gar eine Abwärtsspirale nach unten – eine Untersuchung des HDE betrachtet das Jahr 2021 als kritischen Kipppunkt. In der Hamburger City mag er in weiterer Ferne liegen, manche Einkaufsstraßen in Stadtteilen und Kleinstädten hingegen sind längst gekippt.

Anonym shoppen oder Menschen treffen?

Dieses Szenario betrifft alle: Die Lage des Einzelhandels ist nicht allein eine Frage für Immobilienmakler und Wirtschaftsdienste, sondern eine Herausforderung an alle – an die Politik, die Gesellschaft, die Konsumenten. In welcher Stadt wollen wir leben, bummeln, einkaufen? Wollen wir große Logistiklager auf der grünen Wiese und große Leere in den Städten? Wollen wir anonym im Internet shoppen oder Menschen treffen? Wollen wir ausgebildete Fachhändler, die hier Steuern zahlen, oder Multis, die ihre Steuer gen Null optimieren und ein Handvoll Aushilfen einstellen?

Natürlich sind zunächst die Händler gefordert – sie müssen kreativer und serviceorientierter werden. Wenn der Konkurrent nur einen Klick entfernt liegt, muss man sich bewegen. Aber die Unternehmen allein werden es kaum schaffen. Sie benötigen Hilfe.

Welchen Anteil haben die Vermieter?

Aber was macht eigentlich die Politik? Wo liefert sie Ansätze und Ideen, um die Innenstädte zu beleben? Wo steuert sie mit Steuern? Wo schafft sie zumindest Waffengleichheit? Wo bleiben die Konzepte für einen klugen Rückbau von Einkaufszonen, etwa die Umwandlung in Wohnungen? Hamburg glaubt sogar noch, die Krise des Einzelhandels beträfe sie nicht: Mit dem Überseequartier wird die Einkaufsfläche noch einmal um mehr als zwei Europapassagen vergrößert. Ist das noch Stadtplanung oder schon Sterbehilfe für die City?

Und welchen Anteil an der Entwicklung haben die Vermieter? Geht es ihnen allein um eine kurzfristige Renditemaximierung oder sind sie bereit zu etwas mehr Bescheidenheit und Nachhaltigkeit? Es sind nicht die ewig gleichen Filialen von der Stange oder alberne „Flagshipstores“, die einer Innenstadt ein eigenes Gepräge geben, sondern inhabergeführte Individualisten. Die Zaras, H&M, die Body Shops und Starbucks, die Foot Lockers oder Tommy Hilfigers gibt es überall, Läden wir Ladage & Oelke oder der benachbarte Buchladen Felix Jud aber eben nur an einem Ort.