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Bertelsmann – Studien aus dem Phantasialand

Matthias Iken

Matthias Iken

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt / Andreas L

Die Stiftung ermittelt Zuwanderungsbedarf bis 2060. Migration ist komplizierter als eine pädagogische Gute-Laune-Zahl – ist das noch Wissenschaft?

Früher gab es Weissager, heute gibt es die Bertelsmann-Stiftung. In dieser Woche überraschten die Gütersloher mit einer Studie, die den Arbeitskräftebedarf bis 2060 berechnete und einen Zuwanderungsbedarf von 260.000 Menschen jährlich hochrechnete.

Die Reaktionen fielen erwartbar aus – einige feierten diese Zahl verzückt, posteten Bilder fleißiger Migranten bei der Arbeit und sahen sich in ihrer grenzenlosen Willkommenskultur bestätigt. Andere strickten Verschwörungstheorien. „Gerade am Beispiel der ,Fachkräfteeinwanderung‘ ist das Zusammenspiel von Altparteien, privaten Medien und deren Stiftungen gut zu beobachten.

Verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit

Die Altparteien skizzieren ein Märchen, die Medien verbreiten es immer und immer wieder“, ätzte die AfD in Brandenburg. Ja ja, die Altparteien und die Medien. Je weiter man an den Rand des Spektrums rückt, umso verzerrter wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Offenbar kann man über Migration in diesem Land nur mit rosaroter Brille oder Schaum vor dem Mund reden. Beides hilft nicht weiter. Und auch der Erkenntnisgewinn der Studie ist überschaubar. Denn die Welt entwickelt sich meist anders, als eine Exceltabelle vorausberechnet. Die Bertelsmann-Stiftung macht sich angreifbar, weil sie ihre Botschaft auf die schlichte Formel bringt: „Deutschland braucht #Zuwanderung – doch die Zuwanderung aus den anderen EU-Staaten wird nicht ausreichen, um den Arbeitskräftebedarf bis 2060 abzudecken.“

Geschichte zu kompliziert, um sie vorherzusagen

Bis 2060? Das sind 41 Jahre. Was sind Studien wert, die uns 1978 das Heute erklären wollten? Damals war China ein armes Entwicklungsland, die Mauer teilte Berlin, und auf der Bestsellerliste thronte „Der Atom-Staat“ von Robert Jungk. Elf Jahre später implodierte die DDR, 29 Jahre später überholte Chinas Sozialprodukt das der Bundesrepublik, und 33 Jahre nach 1978 wickelte eine CDU-Kanzlerin im Atomstaat BRD die Kernkraft ab. Geschichte ist zu kompliziert, um sie vorherzusagen.

Gleiches gilt für den Arbeitskräftebedarf. Es ist mutig, man kann auch sagen: tollkühn, den Bedarf nur für wenige Jahre, geschweige denn für Jahrzehnte, vorherzusagen. Eine Weltwirtschaftskrise – und alle Zahlen sind Makulatur. Eine technologische Revolution – und alles wird anders.

Das Eis wird immer dünner, je weiter man sich in die Zukunft bewegt. Zumal auch die Einwohnerzahl ja von vielen Faktoren abhängt. Unter Umständen sind die Großmütter der Kinder, die 2060 zur Welt kommen, noch nicht einmal geboren! Haarsträubend wird es, aus dem geschätzten Fachkräftebedarf und einer geschätzten Bevölkerungsentwicklung eine Zuwanderungszahl abzuleiten – und dann auch noch die Herkunft dieser Fachkräfte vorauszuberechnen.

Deutschland ist auf Migranten angewiesen

Natürlich relativieren die Autoren der Studie ihre Aussagen – aber wer hört das? Die Grundannahme ist ja nicht verkehrt: Wenn die Bundesrepublik ihren Lebensstandard halten will, die Deutschen weiter zu wenig Kinder bekommen und früh in Rente gehen, wird der Mangel an Arbeitskräften zunehmen.

In einer globalisierten Welt ist Migration längst eine Selbstverständlichkeit – oft sind es gerade Einwanderer, die eine Volkswirtschaft voranbringen. Deshalb ist es richtig und wichtig, klarzumachen, dass Deutschland auf Migranten angewiesen ist.

Aber man sollte sauber argumentieren: Migration ist nicht gleich Migration. In der Statistik ist der österreichische Chefredakteur ein Migrant wie der afghanische Analphabet, der syrische Informatiker wie der polnische Musiker. Bloße Zahlen aus dem wissenschaftlichen Phantasialand helfen nicht weiter.

Nationale Perspektive einmal verlassen

Zur Ehrlichkeit gehört, dass Einwanderung in den Arbeitsmarkt für ein Land klüger ist als eine Migration in die Sozialsysteme – und eine gesteuerte Zuwanderung besser als eine Politik der offenen Grenzen. Zugleich gilt es, die nationale Perspektive einmal zu verlassen: Was bedeutet Migration für die Herkunftsländer, was wird aus den Verlierern im Krieg um Talente?

Migration ist komplizierter als eine pädagogische Gute-Laune-Zahl. Und die Zukunft ist offen. Das gilt für 2020, für 2060 gilt es ohnehin. Trost spendet der schwedische Naturforscher Sven Hedin: „Von allen Sorgen, die ich mir machte, sind die meisten nicht eingetroffen.“