Meinung
Sportplatz-Kolumne

Felix Neureuther wird fehlen

Von einer Liebe, die nicht an Erfolg gekoppelt ist: Deutschlands bester Skirennläufer plant sein Karriereende.

Es ist die Zeit der Abschiede. Lindsey Vonn (34), Drama-Queen und erfolgreichste Skirennläuferin der Neuzeit, hat gerade erst Goodbye gesagt. Wie es sich für die extrovertierte US-Amerikanerin gehört mit einem Hollywood-reifen Abgang. Erst ein kamikazemäßiger Sturz im Super G, dann zwei Tage später Bronze in der Abfahrt. Eine letzte Medaille – und das bei der Weltmeisterschaft. Das muss man erst einmal hinkriegen. Zur Feier des Tages wurde Schoßhündchen Lucy im pinkfarbenen Kälteanzug von Frauchen in die Höhe gereckt.

Einen Tag zuvor hatte sich der große Aksel Lund Svindal (36) mit einem norwegischen „pa gjensyn“ von seinen Fans im schwedischen Are verabschiedet. Auch er ein Gigant seiner Sportart. Und auch er hat zum Karriereende noch einmal eine Medaille geholt: Silber in der Abfahrt. Abends dann floß der Alkohol reichlich, wie es sich für einen „Elch“ und seine „Herde“ gehört. Svindal, so hört man, rappte und rockte das Teamhotel in bester Feierlaune.

Heute ist möglicherweise das erste von zwei Abschiedsrennen eines anderen Helden. Felix Neureuther, noch 34 Jahre alt und seit anderthalb Jahrzehnten Deutschlands erfolgreichster Medaillensammler bei Großereignissen, hat angedeutet, bald eine Entscheidung in Richtung Karriereende verkünden zu wollen. Doch vorher will er es im Riesenslalom und dann zur Krönung am Sonntag beim letzten WM-Rennen, dem Slalom, ebenfalls noch mal versuchen.

Ob es mit dem perfekten Abschied klappt wie bei Vonn, wie bei Svindal, ist egal. Die Liebe der Fans zu Neureuther ist nicht an den Erfolg gekoppelt. Seit klar ist, dass er demnächst vielleicht zurücktritt, schlägt ihm überall noch mehr als sonst die Sympathie der Zuschauer entgegen. Grund dafür ist sein Charakter. Der Sohn von „Gold-Rosi“ Mittermaier und Ehemann Christian Neureuther gilt als bodenständig, gradlinig – und kritikfreudig. Sich mit dem Weltverband anlegen, gegen Doping wettern und auch mal eine politische Meinung kundtun: Felix Neureu­ther sagt und tut, was er sagen und tun möchte. Das nennt man Haltung – nicht selbstverständlich im Profisport.

Seine Fans wissen, er nimmt sie bei jedem Rennen mit auf die Abenteuerreise seiner Gefühle. Hat er verloren, grämt er sich. Zu beobachten vor jeder Kamera, in jedem Gespräch. Die Mimik zeigt Enttäuschung oder Wut, die Wortwahl ebenso. Doch wer ist schuld? Das Wetter? Die Organisatoren? Der Verband? Der Gegner gar? Nein, wenn Neureuther wütet, dann gegen sich selbst. Gegen die Dauerbaustelle Körper, der ihm immer wieder den Dienst versagt. Gegen seine Leichtsinnigkeit, seinen Wagemut. Dann brettert er in Eile mit seinem Auto in eine Leitplanke, prellt sich den Nacken, tritt trotzdem an – und verliert. Dumm gelaufen. Aber: selbst schuld!

Und wenn er, wie zuletzt in Schladming, nach einem für ihn schlechten Lauf im Zielraum die Hand aufs Herz legt und Danke sagt zu den ihm trotzdem zujubelnden Zuschauern, dann weiß eben jeder, das ist echt. Das ist kein Kalkül. Und genau deshalb lieben sie ihn.

Andersherum, wenn der Wettkampf gut gelaufen ist, dann glänzen die Augen, dann kann jeder nachfühlen, wie süß so ein Sieg schmeckt. Wie glücklich ein Bad in der Menge macht. Wenn die Eltern Tränen in den Augen haben und Ehefrau Miriam Gössner, die ehemalige Biathletin, mit Töchterchen Matilda auf dem Arm lächelnd auf ihn wartet.

Lieber Felix, wenn Sie denn gehen, Sie werden fehlen. Als Sportler und als Mensch. Weil Sie ein Vorbild sind. Weil Ihnen traditionelle Werte wie Heimatverbundenheit, Liebe zur Natur, Familienglück nicht peinlich sind. Im Gegenteil: Sie leben sie einfach. Aber auch: Jeder nach seiner Fasson. Platz lassen für andere ist auch ein Wert.

Aber nun heißt es noch einmal Daumendrücken. Von uns, für Sie. Sieger sind deshalb Sieger, weil sie nie aufgeben. Weil sie wissen, dass Niederlagen dazugehören. Dass sie aber auch stark machen. Das ist die Botschaft. Dafür schon mal Danke.