Meinung
Meine wilden Zwanziger

Du hast dich ganz schön verändert, lieber Freund

Happy Birthday! Du bist jetzt 15 geworden, also ganz schön alt. Zeit für eine etwas zwiespältige Gratulation.

Dir gilt mein erster Blick am Morgen, der letzte am Abend. Nicht aus Zuneigung, sondern aus Gewohnheit. Wenn du neben mir im Bett liegst, betrachte ich dich nur noch selten. Schon längst ziehst du mich nicht mehr so in deinen Bann wie zu Beginn unserer Beziehung. Damals machte mein Herz einen Hüpfer, wenn eine Nachricht von dir auf meinem Smartphone aufploppte. Heute interessiert sie mich nicht mehr. Du hast dich verändert, alter Weggefährte.

Vor ein paar Tagen feierte die ganze Welt deinen Geburtstag. Dir haben wir es zu verdanken, dass sich die Menschheit bloß noch lieblose Glückwünsche auf Pinnwände klatscht. Also beschwer dich nicht, wenn dir keiner vernünftig und herzlich zu deinem 15. Jahrestag gratuliert. In diesem Sinne: Happy Birthday, Facebook!

Als Mark Zuckerberg am 4. Februar 2004 im Alter von 19 Jahren (!) Facebook gründete, revolutionierte er die Welt. Plötzlich vernetzten sich Menschen auf allen Kontinenten miteinander. Der Harvard-Student hatte zweifelsfrei etwas Großes geschaffen – aber genauso Gefährliches. Das soziale Netzwerk veränderte unseren Alltag, unser Verhalten. Es trug einen großen Teil dazu bei, dass wir zu den Smartphone-Junkies geworden sind, denen in China, Belgien und Litauen bereits eigene Gehwege gebaut wurden, um beim Facebook-Glotzen nicht gegen den nächsten Laternenpfahl zu rennen.

Wir unterhalten uns weniger, vergleichen uns dafür mehr mit anderen. Facebook befeuerte den Selbstoptimierungswahn. Nicht zuletzt frisst es unsere Zeit auf – und wir haben es lange nicht bemerkt. Bis jetzt.

Immer mehr Freunde von mir löschen ihre Accounts beim bekanntesten Social-Media-Dienst der Welt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Facebook ihnen zu langweilig geworden. Mehr als Videos von niedlichen Hundewelpen, ein paar Nachrichten und Werbung, Werbung und noch mal Werbung gibt es selten zu sehen.

Zudem hat der „digitale Privatsphärenexhibitionismus“, wie eine Autorin von „Neon“ einmal schrieb, nachgelassen und wurde erfolgreich auf Instagram verlagert. Bei Facebook postet in meinem Freundeskreis kaum noch jemand ein Foto. Früher haben wir auf der Plattform jeden Gedanken öffentlich geteilt. In meinem Fall: „Mathe ist scheiße“, „Auf Mallorca mit Maike“ oder „Bin beim HSV“. Jeder wusste ständig, wo ich mich rumtreibe. Hilfe! Als ich bei der Kolumnen-Recherche auf meinem Profil Jahr für Jahr nach unten scrollte, erschreckte ich mich selbst. Was habe ich bloß alles von mir preisgegeben?

Inzwischen hat die Generation meiner Eltern Facebook erobert. Junge Leute interessieren sich mehr für YouTube, Instagram und WhatsApp. Laut „Social-Media-Atlas“ nutzten vor vier Jahren noch 89 Prozent der 14- bis 19-Jährigen Facebook, mittlerweile sind es nur noch 61 Prozent. Den stärksten Anstieg verzeichnete das Netzwerk bei den sogenannten „Silver Surfern“ ab 60 Jahren. Ihr Anteil ist um 23 Prozent gewachsen – stolze 70 Prozent der Befragten verwenden Facebook.

Besonders die steigenden Zahlen in Europa verwundern mich. 2018 wuchs das Netzwerk von 375 auf 381 Millionen Nutzer an. Dabei wurde Facebook gerade in diesem Jahr von Skandalen erschüttert. Im Frühjahr wurde bekannt, dass sich die britische Firma Cambridge Analytica (jetzt insolvent) unerlaubt Zugang zu Daten von Millionen Profilen verschafft hatte. Dank dieser Informationen sollen Wähler im US-Wahlkampf mit Werbung für Donald Trump versorgt worden sein. Geht’s noch?

Es folgten weitere Sicherheitslücken. Facebook leidet an einem Image-Problem. Und trotzdem: Wir ärgern uns kurz, fühlen uns gläsern, zucken dann mit den Schultern und machen munter weiter, als wäre nie etwas passiert. Zwar hat Zuckerbergs Zeitfresser im ersten Halbjahr 2018 ein Drittel seines Börsenwertes eingebüßt, im vierten Quartal mit sechs Milliarden Euro aber so viel verdient wie nie.

Sicher, es wäre eine gute Entscheidung, meinen Account einfach zu löschen. Noch bringe ich es nicht übers Herz. Man könnte ja etwas verpassen. Aber mein erster Blick am Morgen gehört dir, liebes Facebook, definitiv nicht mehr. Happy Birthday!