Meinung
Die wilden Zwanziger

Wer findet das große Glück bei Instagram?

Mein Großvater hat sein Leben in der Brusttasche aufbewahrt. Ganz nah an seinem Herzen. Wenn er in den Urlaub verreist ist oder abends in sein Lieblingsrestaurant ausging, hat er ein Päckchen Fotos bei sich getragen. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme seiner bezaubernden Frau, „seiner Traumfrau“, wie er sie immer nannte. Fotos von seinen zotteligen Briard-Hunden im Garten. Bilder von seinen Kindern und Enkelkindern. Wenn ihn jemand nach seiner Familie gefragt hat, hat er den dicken Stapel Erinnerungen aus seinem Jackett gezogen und voller Stolz die Menschen, die er liebte, präsentiert.

Mit unseren Fotoapparaten versuchen wir, Momente für die Ewigkeit festzuhalten. Manchmal gelingt es uns. Der Eröffnungstanz auf dem Abschlussball endet nach ein paar Minuten – das Foto jedoch bleibt. Auf meinem Handy habe ich 4516 Aufnahmen gespeichert, die erste ist im August 2011 entstanden. Sie zeigt ein Selfie von einer Freundin und mir. Ob Sie es mir glauben oder nicht: Ich scrolle häufig durch mein digitales Fotoalbum und träume mich zurück in die Situationen, in denen die Schnappschüsse aufgenommen wurden. Plötzlich bin ich wieder glücklich, albern, betrunken. Wie auf dem Foto.

Doch die Bedeutung eines Fotos hat sich verändert. Es dient nicht mehr nur dazu, Erinnerungen einzufangen. Stattdessen inszenieren wir die Welt, wie sie uns gefällt. Social Media lässt grüßen.

Jeden Tag begegnen mir bei Insta-gram Bilder von scheinbar glücklichen Pärchen, die sich „bis zum Mond und zurück“ lieben. Sie posieren an der paradiesischen Küste von Aruba vor einem riesengroßen Herzen, das sie mit ihren Initialen in den Sand gemalt haben. Mehr Kitsch geht nicht. Alles scheint perfekt. Da fehlen nur noch die rosa Flamingos, dann würde es locker als Reisekatalogfoto durchgehen.

Ehrlich: Ich freue mich für jeden Menschen, der den Partner fürs Leben gefunden hat. Von ganzem Herzen. Aber ich verfolge eine Theorie: Die Paare, die am häufigsten Fotos von sich ins Netz mit übertriebenen Liebeserklärungen stellen, haben es am nötigsten. Sie sind verunsichert. Sie wollen nicht nur der Öffentlichkeit, sondern vor allem sich selbst die Tiefe ihrer Beziehung beweisen. Was ist noch echt?

Rund 95 Millionen Fotos und Videos werden jeden Tag bei Instagram hochgeladen. In der virtuellen Welt können wir sein, wer wir wollen. Wir retuschieren, beschönigen, peppen unseren Alltag mit ein paar Filtern auf. Das gruselige Foto mit Doppelkinn landet im digitalen Mülleimer. Die Folge: Während ich das perfekte Leben meiner Freunde und Bekannten im Liveticker verfolge, frage ich mich: Was stimmt mit mir nicht? Brauche ich mehr rosa Flamingos in meinem Leben?

Ein noch junger Trend: Immer mehr Menschen wählen ihren Urlaubsort nach den spektakulärsten Kulissen für Instagram aus. Das glauben Sie nicht? Aufgepasst! In einem Artikel der „Zeit“ habe ich eine Studie entdeckt, die im britischen „Independent“ zitiert wurde. Demnach wurden 1000 Millennials zwischen 18 und 33 Jahren befragt, nach welchen Kriterien sie ihr Reiseziel aussuchen würden. 40 Prozent der Befragten gaben zu, den Ort wegen der „instagrammability“ auszuwählen. Was bitte?

Der englische Zungenbrecher beschreibt, wie geeignet ein Foto ist, um möglichst viele Likes bei Social Media abzustauben. Zum Beispiel wirbt das Reiseportal „weg.de“ mit den „Top 10 Urlaubsmotiven für Instagram“. Dort werden Sehenswürdigkeiten und die besten Winkel zum Fotografieren empfohlen. Dazu wird einem der Link zur Pauschalreise serviert. All inclusive. Nur die Bilder muss man selbst knipsen.

Anders als auf den Malediven. Im Conrad Hotel gibt es seit rund einem Jahr einen „Instagram-Butler“. Irre. Er begleitet die Gäste auf einem Rundgang im Resort, dem #InstaTrail, und hilft ihnen, beeindruckende Fotos zu knipsen.

Klar, schon bevor es das Internet gab, wurden Fotos zum Prahlen missbraucht. Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot! Doch ich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr Bilder machen, um Erinnerungen zu schaffen. Vielleicht für die Brusttasche im Jackett. Von Menschen, die wir liebten. Und Momenten, die wir nicht festhalten konnten.