Meinung
Meine wilden Zwanziger

O wir Fröhlichen!

19,1 Millionen Google-Treffer können nicht irren. Wir sind mitten im Weihnachtsstress. Schöne Bescherung!

Sind Sie auch schon zu Weihnachtszombies mutiert, liebe Leser? Hetzen Sie durch die Geschäfte in der Innenstadt und suchen das perfekte Geschenk für Tante Hildegard und Oma Ilse? Doch eigentlich wissen Sie schon vorher, dass es im nächsten Jahr beim Schrottjulklapp landen wird? Herzlich willkommen in meiner Welt. Aber keine Panik. Wir sind nicht allein.

Wer bei Google die Begriffe „Weihnachten“ und „Besinnlichkeit“ eingibt, erhält rund 294.000 Treffer. Keine schlechte Ausbeute? Von wegen. Tippt man die Kombination „Weihnachten“ und „Stress“ in die Suchmaschine ein, ploppen 19,1 Millionen (!) Ergebnisse auf dem Bildschirm auf – also 65-mal so viele. Dieses unausgewogene Verhältnis zwischen Ruhe und Hektik beschreibt meinen aktuellen Gemütszustand ziemlich treffend.

Vor Weihnachten bin ich vor allem damit beschäftigt, nicht den Verstand zu verlieren. Schuld daran trägt ein sinnloser Satz, der derzeit in meinem Freundeskreis kursiert: „Wir müssen uns in diesem Jahr unbedingt noch mal sehen.“ Warum?

Vielleicht kennen Sie dieses Phänomen: Jeder hat einen Bekannten, von dem er nur selten ein Lebenszeichen erhält – aber bevor das Jahr endet, taucht er plötzlich auf. Gemeinsam trifft man sich zu einem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Dann verabschiedet man sich für die kommenden zwölf Monate wieder. Tschüs! Bis bald!

Zugegeben: Ich bin prädestiniert für solche Verabredungen. Es wäre ja zu langweilig, sich im Januar zu treffen, wenn wieder Ruhe in den Alltag eingekehrt ist. Wo bleibt da die Herausforderung? Außerdem: Pünktlich zur Weihnachtszeit werde ich sentimental und möchte jeden Menschen, der mir etwas bedeutet, noch einmal in die Arme schließen. Fast so, als müsste ich mich vor dem Jahreswechsel von ihm verabschieden.

Denn: Wer weiß, vielleicht finde ich für meine Familie nicht die passenden Weihnachtsgeschenke und muss nach Alaska auswandern. Oder ich werde dabei verhaftet, wie ich die Lichterketten der Nachbarn klaue, da ich selbst keine Zeit hatte, sie zu besorgen. Na gut. Eine andere Erklärung macht wohl mehr Sinn.

Ein Versuch. Mit einem neuen Jahr beginnt für viele Menschen ein neuer Lebensabschnitt. Zumindest hoffen sie das. 2019 wird alles besser – auch wenn es schon 2018, 2017 und 2016 mit den guten Vorsätzen nicht geklappt hat. Was soll’s. Neue Jahreszahl, neues Glück. Oder?

In der Silvesternacht haben wir das Gefühl, ein altes Kapitel abzuschließen und die erste Seite eines neuen Buches aufzuschlagen. Wir glauben, beim Bleigießen, Raclette-Essen und Feuerwerkanzünden eine Schwelle zu einer noch unbekannten Zeit zu überschreiten. Nicht umsonst heißt es kurz vor Mitternacht: „Wir sehen uns dann drüben – im neuen Jahr!“

Übrigens, das ist noch so ein sinnfreier Spruch. Erstens: Am 1. Januar sieht die Welt noch genauso aus wie am Tag zuvor – nur verkaterter. Und zweitens: Was passiert, wenn einer der Partygäste zu betrunken ist und es nicht „rüber“schafft? Bleibt er dann im alten Jahr stecken? Natürlich ist das Quatsch. Aber: Für den Fall der Fälle sollte jeder vor Weihnachten seine Familie, Freunde und Bekannten noch mal treffen ...

Das Resultat dieser Theorie: Meine Wochen sind bis zum Jahresende komplett durchgetaktet. Furchtbar. Aber das habe ich mir selbst eingebrockt. Neben der Redakteurstätigkeit beim Abendblatt arbeite ich zurzeit ehrenamtlich als Freizeitmanagerin und versuche, den Überblick in meinem Terminkalender nicht zu verlieren. Ich weiß nicht, welcher Job gerade anstrengender ist.

Wussten Sie, dass die Puritaner Weihnachten in England von 1644 bis 1660 sogar verboten haben? Einer der Gründe: Sie waren der Meinung, das Fest sei nur ein Vorwand zum Trinken. Das kann nur ein Grinch denken. Dennoch: Beim alljährlichen Weihnachtsstress vergessen wir nur zu gern, worum es wirklich geht – um Besinnlichkeit. Trotz der wenigen Google-Treffer.

Deswegen hören Sie in diesem Jahr nichts mehr von mir, liebe Leser. Ein wenig Urlaub kann mir offenbar nicht schaden. Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch. Wir sehen uns dann drüben!