Meinung
Hunde-Kolumne

Frieda trifft einen blinden Hund

Der Malteser Malte verlor durch einen Gendefekt sein Augenlicht. Sein Alltag ist dadurch enorm beschwerlich

Ich erinnere Malte noch als jungen Hund: Vergnügt sprang der kleine Malteser damals aus einem Auto auf mich zu – neugierig und unternehmungslustig. Vor einem Jahr berichtete mir mein Kumpel Stephan dann Bestürzendes: Sein Malte ist blind geworden. Am vergangenen Wochenende trafen wir uns nach langer Zeit mal wieder mit den Hunden zu einem Spaziergang. Es wurde ein trauriges Wiedersehen.

Malte ist immer noch ein schönes Tier – schneeweiß, liebenswert, quirlig. Von seiner Behinderung ist zunächst nichts zu merken, auch die Augen wirken lebhaft. Aber beim Spaziergang kann ihn Stephan nicht mehr von der Leine beziehungsweise aus dem Geschirr lassen, und Herr und Hund müssen fast die ganze Zeit über in Kontakt bleiben. Würde Malte freigelassen, liefe er schon nach kurzer Zeit panisch und orientierungslos umher. Malte zieht ziemlich energisch nach vorne, immer in Gefahr, sich den Kopf zu stoßen. Sein Herrchen muss enorm aufpassen und ihn immer wieder aus Gefahrenzonen ziehen – keine leichte Aufgabe.

Angefangen hatte das Drama vor rund anderthalb Jahren. Plötzlich stieß Malte in der Wohnung laufend gegen Möbel und Türen, beim Spielen fand er den Ball nicht mehr. Tests in einer Hunde-Augenklinik brachten dann Gewissheit: Maltes Netzhaut wird nicht mehr richtig durchblutet, stirbt nach und nach ab. Momentan kann er noch ein wenig hell und dunkel unterscheiden und am Tag ein paar Bewegungen in seiner unmittelbaren Nähe wahrnehmen.

Nach Erhalt der Diagnose nahmen Stephan und seine Frau Irene Kontakt zu Bekannten auf, die ungefähr zeitgleich zwei Malteser vom selben Züchter bezogen hatten. Ergebnis: Einer der beiden ist inzwischen ebenfalls erblindet. Das Ganze hat sich damit wieder zu so einem Fall entwickelt, vor dem ich hier aus eigener Erfahrung nur warnen kann: Malte war als ganz junger Hund schnell gefunden und übergeben worden, aber brauchbare Papiere fehlten. Jetzt ist klar: Der Hund hat – genau wie einige andere desselben Züchters – einen Gendefekt.

Ob der kleine Hund, der mittlerweile fünf Jahre alt ist, unter seinem Zustand leidet, lässt sich schwer sagen. Am Anfang hat er sich immer mal mit den Pfoten über die Augen gewischt und den Kopf energisch geschüttelt – so als wolle er eine zottelige Locke aus dem Blickfeld befördern. Das hat er inzwischen eingestellt, aber Stephan und seine Frau Irene bemerken oft, dass ihr lieber Hund deprimiert und apathisch wirkt.

Was auch hinzukam, ist eine extreme Anhänglichkeit. Kaum gehen Maltes Menschen mal aus dem Zimmer, versucht er, sie zu finden. Das Wiedersehen – nach nur wenigen Minuten – gestaltet er, als seien Wochen vergangen. Körperkontakt ist extrem wichtig für das Tier. Als wir in einem Lokal einkehrten, behielt Stephan die Leine in der Hand und stellte seinen Fuß genau neben Maltes Körper.

Vorab war ich auf die Reaktion der guten Frieda gespannt. Würde sie merken, dass mit dem potenziellen Spielfreund etwas nicht stimmt? Um es kurz zu machen: Frieda hüpfte zunächst um Malte herum und forderte ihn zum Spielen auf. Relativ schnell, das war schon auffällig, gab sie die Sache dann wieder auf und trottete für den Rest des Spaziergangs neben Malte her. Auf mich wirkte sie nachsichtiger als mit anderen gleich großen Hunden, aber auch deutlich gelangweilt. Vielleicht hat sie registriert, dass Malte nicht spielenkonnte, vielleicht war er ihr auch einfach nur zu uninteressant.

Stephan und seine Frau Irene versuchen jetzt, sich auf das Unabänderliche einzustellen. Genau wie so ziemlich alle anderen Hundehalter wollen sie sich nicht mehr von ihrem Tier trennen. Natürlich wäre der Alltag mit einem gesunden Hund viel weniger beschwerlich, aber Malte beizustehen sehen sie als Verpflichtung. Neue Möbel werden nicht mehr angeschafft, die alten nicht mehr beiseitegerückt. Der Tierarzt sagt, dass sich Hunde relativ schnell an Blindheit gewöhnen und auch nicht über den Vergleich vorher/nachher reflektieren können. Hoffentlich stimmt das so. Es bleibt eine besondere Verbundenheit zwischen dem kranken Hund und seinen Menschen. Und eine latente Traurigkeit auf beiden Seiten.