Meinung
Leitartikel

Hamburg muss mehr Lehrer ausbilden!

Hamburg erhöht Zahl der Referendare. Aber auch Ausbau der Studienplätze nötig

Wer zurzeit auf Lehramt studiert, hat eine kluge Berufsentscheidung getroffen. Die Kultusministerkonferenz prognostiziert einen Einstellungsbedarf von rund 32.000 Schulpädagogen bundesweit bis 2030. Mit anderen Worten: Der Wettbewerb der Länder um die am besten qualifizierten Lehrer hat längst begonnen. Er wird absehbar an Schärfe noch zunehmen.

Hamburg hat in der Konkurrenz mit den norddeutschen Nachbarn und darüber hinaus bislang gute Karten: Im Stadtstaat werden alle Junglehrer sofort verbeamtet – was bundesweit nicht Standard ist –, die Beförderungschancen für Pädagogen sind größer als anderswo, und schließlich ist Hamburg als Stadt „ein Magnet“, wie Schulsenator Ties Rabe (SPD) es ausdrückt.

Die günstigen Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass rund ein Drittel aller direkt nach dem Referendariat in den Schuldienst übernommenen Pädagogen nicht aus Hamburg kommt. Nur dank der „Unterstützung“ aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern konnte die Gesamtzahl der Lehrer in Hamburg seit 2011 um rund 30 Prozent (!) erhöht werden – für kleinere Klassen, für den Ausbau des Ganztagsunterrichts, die Inklusion, die Stärkung der Stadtteilschulen sowie zur Versorgung des Schülerzuwachses um elf Prozent.

Das ging gut, solange andere Länder wegen des dortigen Schülerrückgangs wenig oder gar keine Lehrer neu eingestellt haben. Der Trend hat sich mittlerweile umgekehrt, auch andere Länder stellen wieder mehr Lehrer ein und suchen zum Teil händeringend Nachwuchs. Berlin bildet etwa Seiteneinsteiger zu Lehrern aus, die weder ein Lehramtsstudium noch ein Referendariat vorweisen können.

In der Konsequenz führt also kein Weg daran vorbei, dass Hamburg selbst die Ausbildungskapazitäten für Lehrer deutlich steigert. Vielleicht war es die privilegierte Lage der Stadt, dass die Einsicht in diese Notwendigkeit ziemlich langsam reifte und der Kurswechsel relativ spät kommt. Erst Anfang des Jahres hatte die Bürgerschaft einstimmig eine Aufstockung beschlossen. Mitte Oktober und jetzt noch einmal kündigte Rabe weiteren Ausbau an. Insgesamt wird die Zahl der Referendare, die ihre Ausbildung pro Jahr beenden, bis 2022 um 40 Prozent gesteigert.

Die Abhängigkeit von der Ausbildungsleistung anderer Länder wird das nicht beenden, aber doch mindern. Das ist gut so. Nun ist die Zahl der Referendare das eine, perspektivisch wird es zunehmend um eine andere Frage gehen: Bildet die Universität genug pädagogischen Nachwuchs im Rahmen des Lehramtsstudiums aus?

Noch übersteigt das Angebot an Hamburger Hochschulabsolventen die Zahl der Referendariatsplätze. Doch nach der deutlichen Kapazitätssteigerung wird das in wenigen Jahren nicht mehr der Fall sein. Deswegen muss es schon jetzt darum gehen, auch die Kapazitäten in der ersten Phase der Lehrerausbildung, also im Studium, auszubauen. Vor allem wird die Stadt intensiv dafür werben müssen, dass sich mehr junge Menschen für den Beruf des Lehrers entscheiden. Das gilt besonders für die Fächer wie Informatik, Physik oder Elektrotechnik, in denen schon jetzt Lehrermangel herrscht.

Und es wird darum gehen müssen, die Zahl der Studienabbrecher deutlich zu senken. Das Lehramtsstudium ist in den vergangenen Jahren praxisnäher geworden. Das ist gut, ja dringend nötig. Nur sollte der Praxisschock, den mancher Studierender erlebt, wenn er zum ersten Mal vor einer Klasse steht, nicht gleich dazu führen, dass er die Brocken hinwirft und aufgibt.