Meinung
Deutschstunde

Manche Namen lassen sich nichts anhängen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Nicht einmal ein s! Über die Beugung von Abkürzungen und die Einzahl des Bürgerlichen Gesetzbuchs

Die Anwaltsgehilfinnen einer Kanzlei, die Tag für Tag umfangreiche Schriftsätze übertragen müssen, waren sich nicht einig und fragten mich: Wird die Abkürzung BGB dekliniert (gebeugt), heißt es „des BGBs“ und im Plural „die BGBs“? Den Plural können wir von vornherein streichen, den gibt es in diesem Fall nicht. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) ist die Zusammenfassung des Privatrechts und als Gesetzeswerk ein Unikat im Singular. Das hat nichts damit zu tun, dass viele Exemplare dieser Sammlung gedruckt worden sind, von denen dann voluminöse Ordner vor Prozessbeginn von dem Tisch des Verteidigers zum Staatsanwalt hin­überdrohen, der allerdings ähnlich aufgerüstet hat.

Sagt man „die letzte Änderung des BGB“ oder „die letzte Änderung des BGBs“? Lassen Sie das „s“ weg und schreiben Sie „des BGB“! Der Genitiv wird durch das flektierte Artikelwort „des“ eindeutig bestimmt, sodass keine Verdeutlichung mehr nötig ist. Wird die Abkürzung jedoch ausgeschrieben, bekommt der Genitiv seine Endung zurück: Die letzten Änderungen des Bürgerlichen Gesetzbuchs müssen noch abgeheftet werden.

Das zeigt, dass Werktitel gebeugt werden, selbst dann, wenn sie in Anführungszeichen stehen: Die erste Auflage des „Grünen Heinrichs“ von Gottfried Keller wird antiquarisch angeboten; der Umfang des „Zauberbergs“ von Thomas Mann übersteigt meine mentale Aufnahmefähigkeit; der Artikel des „Spiegels“ bringt Uli Hoeneß zum Kochen. Wollen wir den Titel in seiner Urform im Nominativ zitieren, müssen wir eine (flektierte) Gattungsbezeichnung vor­anstellen: des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ oder: des Bildungsromans „Der Grüne Heinrich“.

Personennamen werden im Allgemeinen nicht dekliniert, wenn sie mit „des“ stehen, bekommen aber ein Genitiv-s ohne den Artikel „des“: Heinrich Heines Lyrik, aber: die Lyrik des Heinrich Heine. Seit Langem schwelt die Unsicherheit, ob „Der Spiegel“ ein Werk­titel ist, ob er im Genitiv also ein „s“ bekommt oder nicht. Ich wage die Entscheidung: des „Spiegels“. Beim Mitbewerber „Stern“ lautete allerdings die Antwort des Verlags: „Wir lassen uns doch nichts anhängen, nicht einmal ein s!“

Wussten Sie eigentlich, dass der Duden als „Duden“ gar nicht im Duden steht, und zwar weder im Rechtschreibduden noch in irgendeinem anderen Werk des Dudenverlags? Auf diese Weise vermeidet es dessen Redaktion, die ansonsten die deutsche Sprache penibel unter Kontrolle hält, sich in eigener Sache für oder gegen das Genitiv-s entscheiden zu müssen: des Duden, des Dudens? Ich habe die Duden-Sprach­beratung (1,99 Euro pro Minute) angerufen. Die Dame am Telefon fand auch keinen entsprechenden Eintrag. Als mein Gebührenzähler die 10-Euro-Marke überschritten hatte, einigten wir uns, den Duden im Genitiv mit einem „s“ zu schmücken. Also: die 27. Auflage des Dudens.

Firmennamen werden ganz normal flektiert, wie Werktitel auch dann, wenn sie in Anführungszeichen stehen: der neue Vorstand der „Deutschen Bank“. Häufig wird ein Firmenname durch die Abkürzung der Geschäftsform ergänzt: Axel Springer SE, Bayer AG, Zentis GmbH & Co. KG. Genus und Numerus richten sich nur dann nach der Geschäftsform, wenn sie Kern des Firmennamens ist: Die Techno-Studios-Gesellschaft mbh sucht neue Mitarbeiter. Ist der Kern des Namens selbst eine Abkürzung, die für eine pluralische Vollform steht, schließen wir im Singular an: BMW hat neue Märkte erschlossen. Wird dagegen die Vollform verwendet, steht das Verb ganz regelgerecht im Plural: Die Bayerischen Motoren Werke haben neue Märkte erschlossen. Bei Firmennamen wie Schmidt, Müller & Partner als Subjekt kann das Verb sowohl im Plural als auch im Singular stehen: [Die Anwälte] Schmidt & Müller haben den Auftrag erhalten. [Die Kanzlei] Schmidt & Müller vertritt den Beklagten.

Das Zeichen für das kaufmännische Et (&) darf nur in Firmennamen verwendet werden. Eine Überschrift wie „Sonne, Strand & goldener Sommer“ wäre typografisch ein Fauxpas.

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