Meinung
Meinung

Die Schule soll es wieder richten

OECD-Studie: Arme Schüler nicht ausreichend gefördert

An wen wendet sich das Land, wenn es ungelöste Probleme hat? Auf wen läuft es fast automatisch zu, wenn einer gesucht wird, der sich kümmert? Genau. Die Schulen sollen es richten. Was für kleine Kinder früher der liebe Gott war, ist für die deutsche Gesellschaft heute das Bildungssystem: Anlaufstelle Nummer eins für Sorgen und Nöte, Heilsbringer und Retter im Dauereinsatz.

Ein Großteil der Schwierigkeiten, die uns im Jahr 2018 umtreiben, landet früher oder später als Aufgabe bei den Schulen. Lehrer sollen heute leisten,
was viele Eltern nicht leisten, weil sie es nicht können oder nicht wollen: In der Schule sollen Kinder nicht nur Rechnen und Schreiben lernen. Schulen sollen den Kampf gegen Übergewicht und Handysucht aufnehmen, sollen die
Defizite bei der Integration von Zuwanderern ausbügeln, sollen abgehängte Milieus wieder in die Mitte der Gesellschaft lotsen und elf Millionen junge Deutsche aufs Leben in einer rasanten globalen Welt vorbereiten. Respekt!

Bei einem solchen Pensum müssten Lehrer und Schulen eigentlich optimale Rückendeckung bekommen. Ausreichend gut ausgebildete Kollegen, Zeit für Fortbildung, solide Gebäude, funktionierende Technik. Es gibt Schulen, die alles das haben. Aber es gibt auch unzählige Schulen in Deutschland, bei denen der Begriff vom Reparaturbetrieb der Nation eine doppelte Bedeutung hat: Die Schulen sollen reparieren, was in der Gesellschaft nicht rundläuft – und fahren selbst seit Jahren auf Verschleiß.

Der jüngste Bildungsvergleich der OECD bescheinigt dem deutschen Bildungssystem erneut, dass es nicht gelingt, Schüler aus armen und zugewanderten Familien ausreichend zu fördern. Das ist blamabel. Doch zur Wahrheit gehört auch: Ohne den täglichen Einsatz der allermeisten Lehrer wären die Ergebnisse noch weitaus schlechter.

Seite 5 Bericht

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.