Meinung
Deutschstunde

Was für ein Tier krabbelte dort im Karton?

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Es gibt jährliche Gedenktage, die von den Vereinten Nationen ausgerufen werden und die das Bewusstsein für globale Probleme stärken sollen wie den Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar, den Weltfrauentag am 8. März und sogar den Tag der Kreativität und Innovation am 21. April.

Kreativ geht es auch bei der Auswahl der Gedenktage auf nationaler Ebene zu, die Vereine und Organisationen versuchen, populär zu machen. Dazu gehören etwa der Tag des Butterbrots und der Tag der deutschen Sprache am zweiten Sonnabend im September.

Diese beiden Beispiele, die ich aus der Fülle der weit mehr als 365 Jahrestage herausgepickt­ habe, haben trotz des scheinbar banalen Zwecks einen Bezug zueinander. Ein kräftiges Schulbrot statt Fast Food und Schokoriegel in der großen Pause, wie es früher üblich war, kann die Kondition der Schüler stärken, und die deutsche Sprache ist die Voraussetzung für unsere Smartphone-Generation, den Unterricht überhaupt zu verstehen.

Den diesjährigen Tag der deutschen Sprache am 8. September haben einige Medien aufgegriffen, die meisten eher beiläufig, einige aber so betont, dass sie die „Deutsche“ Sprache großgeschrieben haben.

Wir wollen nicht übertreiben. Die deutsche Sprache ist kein Eigenname, sondern wird wie die englische Sprache, die russische Sprache oder die lateinische Sprache kleingeschrieben, wenn wir ihren Wert und ihre Notwendigkeit auch gar nicht groß genug schreiben können. Der Verein Deutsche Sprache (VDS) kritisierte am Aktionstag den unkritischen Gebrauch von Fremdwörtern und warb für ein gutes und verständliches Deutsch.

Bevor ich nun eine Philippika gegen die Flut der Anglizismen, den Missbrauch der gewachsenen Sprache durch den Genderwahn und die Anmaßung der selbst ernannten Sprachpolizei mit der Political Correctness („Othellotorte“) formuliere, bin ich erst einmal gehalten, auf detailliertere Stolpersteine in der Leserpost einzugehen.

Ein Einsender beklagt, dass er korrekt „wider besseres Wissen“ geschrieben habe, sein Brief aber in „wider besseren Wissens“ verschlimmbessert worden sei. Das darf nicht passieren. Ich war nicht beteiligt, habe aber den Auftrag, die Rektion richtigzustellen. Deshalb sei zum wiederholten Male kundgetan, dass die Präposition „wider“ den Akkusativ fordert. Das Wissen ist zudem ein Neutrum, und Neutra werden im Nominativ und im Akkusativ gleich dekliniert – also „besseres Wissen“ (Nominativ) und „wider besseres Wissen“ (Akkusativ). Der umhegte Genitiv hat hier nichts zu suchen.

In Wedel ist auf der Ladefläche eines Lastwagens ein Skorpion entdeckt worden. Die herbeigerufenen Polizisten traten das Tier nicht etwa tot, sondern brachten es in einem Karton verpackt in ein Hamburger Tierheim und erklärten, da noch nicht bekannt sei, um was für eine Art Skorpion es sich bei dem Exemplar handele, könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Tier gefährlich sei. Eine Leserin sorgte sich weniger um den Skorpion als um die Grammatik der Nachricht und meinte, es dürfe nicht „was für eine Art“, sondern müsse „welche Art“ heißen.

Wann ist „was für eine“, wann „welche“ korrekt? Mit „was für ein“ wird nach der Beschaffenheit, der Art oder dem Merkmal eines Dinges gefragt: Was für einen Wein trinken Sie am liebsten? Was für ein Mann ist das? Um was für eine Art Skorpion handelt es sich?

Mit „welcher/welche/welches“ fragt man hingegen nach der Auswahl aus einer Menge: Welches Kleid [von mehreren Kleidern] ziehst du an? Umgekehrt wird „welche“ häufig fälschlich für „was für eine“ gebraucht. Nicht: Welche Katze ist das? Sondern korrekt: Was für eine Katze ist das?

Steht „was für ein“ vor einem Substantiv, wird nur „ein“ dekliniert, und zwar wie der unbestimmte Artikel: Mit was für einem Auto? Steht „was für ein“ allein, dann wird „ein“ wie das starke Zahlwort flektiert: was für eines?

Diese allein stehenden Formen von „ein“ werden besonders in der norddeutschen Umgangssprache häufig durch „welcher“ ersetzt: Wir haben ausgezeichneten Wein getrunken. Was für welchen? (statt: Was für einen?).

Doch das klingt dann ein bisschen arg hamburgisch.

deutschstunde@t-online.de

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