Meinung
Kommentar

Macht doch mal das Handy aus!

Kinder haben ungeteilte Aufmerksamkeit verdient

Legen Sie bitte jetzt einmal Ihr Handy weg, wenigstens für die nächsten vier bis fünf Minuten. Und wenn Sie Kinder haben sollten: Denken Sie zumindest kurz darüber nach, das Ding für den Rest des Tages ganz auszumachen. Ich weiß, das klingt nach einer unmöglichen Forderung, aber es wird höchste Zeit, dass sie jemand ausspricht. In Hamburg gibt es jetzt ein Jungen, der das so laut gemacht hat, dass man als Vater oder Mutter nicht anders kann, als ein schlechtes Gewissen zu haben.

Der Junge heißt Emil, er ist sieben Jahre alt und hat genug von Erwachsenen, die ständig auf ihre Smartphones starren. An diesem Wochenende ist Emil deshalb mit seinen Freunden und betroffenen Erwachsenen auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren: für mehr Zeit für Kinder und für weniger Zeit am Handy. Sein Schlachtruf: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr in eure Handys schaut!“

Fühlen Sie sich auch ertappt? Ich ja. Und es ist mir unangenehm, dass ein sieben Jahre alter Junge uns Erwachsene erwischt hat. Man muss sich ja nur einmal umgucken: Mütter schieben Babywagen und starren auf ihre Handys. Väter geben Anschwung beim Schaukeln und starren auf ihre Handys. Und was antworten Eltern, wenn das Kind eine Frage oder eine Bitte hat? „Einen kleinen Moment, mein Schatz, ich muss nur noch schnell eine E-Mail beantworten.“

Geht’s noch? Nein, es geht nicht mehr. Eine Studie über das Freizeitverhalten der Hamburger hat ergeben, dass diese sich mehr mit ihrem Smartphone als mit ihrem Partner beschäftigen. Bademeister bitten Eltern eindringlich, wenigstens beim Schwimmen besser auf ihre Kinder als auf ihre Handys zu achten. Weil es zu oft umgekehrt ist, wären etliche Jungen und Mädchen in diesem Sommer fast ertrunken. Das Handy absorbiert die Aufmerksamkeit in einer Art, dass es nicht nur nervig, sondern gefährlich wird. Ehepartner reden abends nicht mehr miteinander, sondern schicken sich Nachrichten im Familienchat. Autofahrer checken Mails, auch wenn sie nicht an einer roten Ampel stehen.

Als das Telefon erfunden wurde, konnten sich Menschen verständigen, obwohl sie an unterschiedlichen Orten waren. Seit es das Smartphone gibt, reden Menschen nicht mehr miteinander, obwohl sie am selben Tisch sitzen.

Wenn schon Kinder, die wie selbstverständlich mit Handys aufwachsen, das Verhalten ihrer Eltern nervt, muss sich daran dringend etwas ändern. „Spielt mit mir! Nicht mit euren Handys!“, hat Emil auf die Zettel schreiben lassen, mit denen er für seine Demons­tration warb. Der Junge hat recht. Zumindest wenn ein Kind in der Nähe ist, gehört das Handy in die Hosen- oder irgendeine andere Tasche. Erstens, weil das Ding sonst wertvolle Familienzeit klaut. Zweitens, weil ein unachtsamer Moment böse Folgen haben kann. Und drittens wollen wir doch alle gute und nicht schlechte Vorbilder für unsere Kinder sein. Soll heißen: Wer den ganzen Tag am Handy klebt, darf sich nicht beschweren, wenn seine Kinder früher oder später genau das Gleiche tun.

Ich übertreibe, sagen Sie? Dann machen Sie den Test. Es gibt eine App, die zählt, wie oft an einem Tag man das Handy in die Hand nimmt. Freundliche Studien haben ergeben, dass der Deutsche im Schnitt 88-mal pro Tag auf sein Smartphone schaut. Wie oft schaut man auf oder nach seinen Kindern? Wie oft spricht man sie an? Und vor allem: Wie oft ist man ganz bei ihnen?

Emil und alle anderen Kinder haben es verdient, dass wir Erwachsenen voll für sie da sind.

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