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Das Ende von Bullerbü

Matthias Iken

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt / Andreas L

Matthias Iken

Die Schweden wählen ein neues Parlament – und die Rechtspopulisten könnten 20 Prozent erringen.

Vielleicht hat ja Astrid Lindgren Schuld. Wann immer von Schweden die Rede ist, bekommen die Deutschen leuchtende Augen, denken an falunrote Holzhäuser, ABBA und Elche, schwärmen von einem üppigen Wohlfahrtsstaat, einem Leben wie in Bullerbü. Die Deutschen sind so verliebt in ihr Schweden-Bild, dass hierzulande selbst das „unmögliche Möbelhaus“ schon konsequent in die schwedischen Nationalfarben Blau-Gelb getaucht war, als die Zen­trale in Småland noch grau daherkam.

Am Sonntag könnte das idealistische Schweden-Bild erschüttert werden. Dann wählen die Skandinavier einen neuen Reichstag – und sollten die Demoskopen nicht irren, drohen Verwerfungen. Die Sozialdemokraten, seit 1917 stärkste Kraft und die Schweden-Partei, müssen mit schweren Verlusten rechnen. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten hingegen können auf 20 Prozent hoffen. Diese Partei wurde von Neonazis gegründet und gab sich zuletzt gemäßigter, behauptet aber, Juden seien keine Schweden. Dem Land, das die Mitte so sehr liebte, droht eine Erschütterung, ja Erschütterndes.

Wie konnte es so weit kommen? Vielleicht muss man gar nicht immer nach Sachsen starren, sondern zur Abwechslung einmal auf unseren schwedischen Nachbarn. Hier wie dort wundert man sich über den unaufhörlichen Höhenflug in den Umfragen für Rechtspopulisten, über die Polarisierung im Land. Dabei läuft es doch eigentlich rund im hohen Norden: Schwedens Wirtschaft arbeitet auf Hochtouren, im laufenden Jahr erwarten Experten ein Plus von drei Prozent, die Arbeitslosenquote ist auf sechs Prozent gesunken, die Staatsverschuldung auf 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Schweden könnte ein Vorbild für Europa sein. Trotzdem stellen sich die regierenden Sozialdemokraten schon einmal auf ein Desaster ein.

Denn Schweden spricht kaum über seine Erfolge, sondern streitet heftig wie nie über seine Probleme. Im alten „Volksheim“ wächst das Gefühl eines Unbehaustsein. Das hat viel mit Migration zu tun. Die Skandinavier haben im Vergleich mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land in Europa – seit 2014 rund 300.000. In der Bundesrepublik, die achtmal so viele Einwohner hat, waren es rund fünfmal so viele.

Offene Grenzen und offene Herzen waren in Schweden über ein halbes Jahrhundert Konsens – das Land verstand sich als „humanitäre Supermacht“. Das zeigte sich nicht nur bei der Aufnahme, sondern auch beim selbst gesteckten Ziel einer multikulturellen Gesellschaft. Es wurde viel gefördert, aber wenig gefordert. Migranten kamen in den Genuss umfangreicher Schwedisch-Kurse, die Kinder erhielten an den Schulen muttersprachlichen Unterricht. Die Vorzüge des Wohlfahrtsstaats begannen schon bei der Einreise – anders als in Deutschland mangelte es aber an Chancen, sich in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren. Heute ist die Arbeitslosigkeit unter Zuwanderern fünfmal so hoch wie bei Schweden. Probleme mit Migranten, etwa jugendlichen Gewalttätern, wurden lange – auch wegen einer gut gemeinten politischen Korrektheit – geleugnet, geschönt, unter den Teppich gekehrt. So konnten sich Rechtspopulisten als Tabubrecher inszenieren und treiben seitdem die Politik vor sich her.

Anders als Deutschland hat Schweden auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16 seine Politik radikal gedreht: Der sozialdemokratische Ministerpräsident Stefan Löfven hat die Grenzen geschlossen, den Familiennachzug erschwert und Sozialleistungen gekürzt. Die rot-grüne Regierung in Stockholm setzte also das um, wovon Horst Seehofer in Berlin nur träumen durfte. Immerhin: Seitdem ist der Aufschwung der Schwedendemokraten in Meinungsumfragen zumindest gestoppt, die Sozialdemokraten stabilisieren sich und liegen wieder vorn. Vertrauen, das zeigen diese Zahlen, ist leicht zu verspielen, aber nur schwer wiederzugewinnen. Und Integration dauert.

„It’s the economy, stupid“, lautete der einfache Slogan bei Bill Clinton, um die US-Wahl zu gewinnen. In Europa gilt längst eine andere, bittere Wahrheit, die manche noch immer leugnen. „It’s the migration, stupid.“

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