Meinung
Leitartikel

Fachkräftemangel: Wer macht die Arbeit?

Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Der Mangel an Fachkräften wird in Hamburg Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Doch zwei Entwicklungen stimmen optimistisch.

Im Supermarkt um die Ecke ist die Liste mit den offenen Stellen fast so lang wie die mit den Sonderangeboten. Gesucht wird nahezu alles, von der stellvertretenden Filialleitung bis zu jemandem, der die Regale einräumt. Wie schwierig es ist, sowohl den einen als auch den anderen zu finden, zeigt der Hinweis: „Wir nehmen auch sehr gern Quereinsteiger.“

Etwas anderes wird vielen Unternehmen in der nahen Zukunft auch nicht übrig bleiben.

Jahrelang haben wir mehr theoretisch über die Folgen der Demografie auf dem Arbeitsmarkt gesprochen – nun wird es konkret. Dass in Hamburg aktuell 53.000 Fachkräfte fehlen, ist leider erst der Anfang einer Entwicklung, die sich, noch mal: leider, auch nicht mehr stoppen lässt. Wenn erst die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, also zum Beispiel all jene, die 1964 zur Welt gekommen sind, wird die Lage in Hamburg noch dramatischer sein. Dann wird es normal werden, dass Zehntausende Menschen mehr den Arbeitsmarkt verlassen, als neue dazukommen.

Fachkräftemangel in Hamburg: Kann die Digitalisierung helfen?

Welche Auswirkungen dies auf unsere Lebensgewohnheiten haben wird, lässt sich jetzt nur erahnen. Etwa, wenn Restaurants nicht deshalb kürzere Öffnungszeiten oder mehr Ruhetage haben, weil zu wenige Gäste kommen, sondern weil sie kein Personal mehr finden. Was übrigens nicht nur an der Vergütung liegt. Besitzer von Restaurants gehen in ihrer Verzweiflung längst ungewöhnliche Wege, wenn sie etwa ihren Köchen ein Auto stellen oder Angestellten eine Wohnung besorgen. Aber selbst das garantiert nicht, dass man freie Stellen überhaupt und wenn, dann längerfristig, besetzt bekommt.

Der Fachkräftemangel wird die Lebensqualität in Deutschland nachhaltig beeinflussen, auch in Hamburg. Das beginnt mit der Suche nach Putzhilfen und Babysittern, die immer mühsamer wird, und endet bei einem immer stärker spürbaren Mangel an Pflegekräften, Handwerkern, Ärzten, Lehrern, Erziehern usw. Mit herkömmlichen Mitteln, also mit zusätzlichen Arbeitskräften, wird sich diese Entwicklung nicht mehr aufhalten lassen – und das, obwohl Hamburg gegenüber vielen anderen Städten und Gemeinden den Vorteil hat, ein äußerst attraktiver Ort für Arbeitnehmer zu sein (wenn man mal von den steigenden Mieten und Immobilienpreisen absieht).

Es schlägt die Stunde der Quereinsteiger

Dennoch wird man hier nur darauf hoffen können, dass die von vielen gefürchtete Digitalisierung beziehungsweise Automatisierung tatsächlich dazu führt, dass man für bestimmte Jobs weniger Menschen benötigt. Das ist angesichts der geschilderten Phänomene kein Risiko, sondern die wahrscheinlich größte Chance, den Betrieb einer Stadt wie Hamburg in der gewohnten Weise aufrechtzuerhalten.

Wer einen Arbeitsplatz verlieren sollte, weil sich die damit verbundenen Aufgaben zum Beispiel digitalisieren lassen, muss in der Regel auch keine Sorge haben, einen neuen zu finden: Denn die Zeit für Quer- und Umsteiger war, siehe oben, selten so gut wie im Moment. Und sie wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten eher noch besser werden.

Das ist dann ja auch eine gute Nachricht: Die meisten Menschen werden die Wahl haben, für wen und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen. Es wird viel leichter sein als bisher, verschiedene Jobs, verschiedene Unternehmen und verschiedene Branchen auszuprobieren. Und, auch positiv: Firmen werden es sich nicht mehr leisten können, auf ältere Kollegen zu verzichten.