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Mini-Olympia: Darum sollte Hamburg sich bewerben

Björn Jensen

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Björn Jensen Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die Hansestadt wäre der ideale Ausrichter für die nächste Multisport-Europameisterschaft in vier Jahren.

Niemand steht gern im Stau. Insofern war es wenig verwunderlich, dass die für die Straßenradrennen erforderlichen Streckensperrungen in der Innenstadt bei manch Glasgower Autofahrern für Verdruss sorgten. Dies waren jedoch die einzig vernehmlichen Misstöne aus der Öffentlichkeit, die die erste Multisport-Europameisterschaft begleiteten.

Zwar wurde die Bevölkerung nicht in einem Referendum um ihre Meinung zur Austragung gebeten. Proteste gegen gigantische Neubauten, ausufernde Kosten oder herrschaftlich auftretende Sportverbände blieben in Schottlands größter Stadt dennoch aus. Die Menschen, so sie sportbegeistert sind, freuten sich über den Besuch von 4700 Athleten, deren Betreuerteams und Hunderten Journalisten aus 52 Nationen. Und die, denen Sport egal ist, wurden immerhin in ihrem Alltag nicht gestört.

Nach zehn Wettkampftagen wird das Spektakel aus kontinentalen Titelkämpfen im Schwimmen, Turnen, Rudern, Radsport, Triathlon und Golf, zu dem außerdem auch die in Berlin ausgetragene Leichtathletik-EM gerechnet wird, an diesem Sonntag enden. Und schon heute darf man festhalten, dass die Idee, dem olympischen Sommersport durch die Verzahnung seiner Wettkämpfe zu mehr Aufmerksamkeit in den Medien und der Wahrnehmung der Fans zu verhelfen, eine gute war.

Die Athleten – und auch die Sponsoren – sind glücklich über das gesteigerte Interesse, das Fernsehen freut sich über gute Quoten, und bei den Zuschauern kam in den vergangenen Tagen eine Stimmung auf, die es sonst nur bei Olympia gibt. Bahnrad, Wasserspringen oder Mountainbike gab es bislang ja nur alle vier Jahre mal live zu sehen, und jedes Mal fragte man sich angesichts toller Typen und guter Geschichten, warum das eigentlich so sein muss.

Muss es gar nicht, lautet die Lehre aus Glasgow und Berlin. So dürfte der für 2022 angedachten Wiederholung dieser europäischen Multisportspiele selbst nach einer ausgiebigen Erfolgsanalyse nichts entgegenstehen. Und hier kommt Hamburg ins Spiel. Sportstaatsrat Christoph Holstein hatte am Dienstag bereits grundsätzliches Interesse der Stadt an der Ausrichtung eines solchen Events geäußert. Man kann ihm und den Sportverantwortlichen nur zurufen: Habt den Mut, euch zu bewerben!

Hamburg hatte das beste, nachhaltigste Konzept für die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele 2024. Dass es im November 2015 am knappen Veto der Bevölkerung scheiterte, hatte viele Gründe: die unsicher scheinende Finanzierung der Milliardenkosten ebenso wie die Diskussion über korrupte und zu Gigantismus neigende Sportverbände oder die diffuse, von den Anschlägen in Paris gespeiste Angst vor Terrorismus. Man konnte all diese Sorgen nachvollziehen und ärgerte sich trotzdem über die verpasste Chance, Hamburg in puncto Stadtentwicklung, Bekanntheitsgrad und als Gastgeber für die ganze Welt auf ein neues Niveau zu heben.

Multisport-EM: Vorbild Glasgow

In Glasgow war nun zu besichtigen, warum Hamburg ein guter Austragungsort für die Multisport-EM 2022 wäre. Glasgow hat nur ein Viertel der Fläche und ein Drittel der Einwohner, konnte aber problemlos für die Unterbringung und den Transport aller Teilnehmer sorgen. Hamburg müsste keine neuen Sportstätten bauen, sollte die Leichtathletik erneut separat stattfinden, sondern lediglich in die Renovierung bestehender Anlagen investieren. Das ist mit einem avisierten Umfang von 270 Millionen Euro in den nächsten Jahren sowieso geplant; die Multisport-EM könnte dafür sorgen, dass dies zielgerichteter und zügiger passiert.

Vor allem aber, und dieser Punkt ist aus der Erfahrung des Referendums heraus vielleicht der wichtigste, könnten die Hamburger eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, einen ganzen Kontinent zu Gast zu haben. Am eigenen Leib die Emotionen zu spüren, die Athleten und Fans in eine Gastgeberstadt transportieren, wird dazu beitragen, das Verhältnis der Menschen zum Leistungssport zu verbessern.

Dass Hamburg großen Sport mag und kann, weiß man aus der Erfahrung vieler Einzelevents. Nun ist es an der Zeit, den nächsten Schritt zu machen. Olympia mag zu groß gedacht gewesen sein, die Multisport-EM wäre es nicht. Und im Stau stehen wir ohnehin.

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